Sie sind hier: Startseite Reformation und Neuzeit Prof. Dr. Jörg Haustein Ökumenischer Lagebericht

Ökumenischer Lagebericht

Landesversammlung des Evangelischen Bundes Rheinland

Bonn, 17. November 2003

 

Lagebericht des Evangelischen Bundes im Rheinland 2003

Prof. Dr. Jörg Haustein, 1. Vorsitzender

Ein ökumenischer Lagebericht ist am Ende des Jahres 2003 leichter und schwerer als in den Jahren zuvor. Leichter deshalb, weil vor allem natürlich durch den Ökumenischen Kirchentag in Berlin ein Ereignis im Mittelpunkt stehen kann und muss, das in vielerlei Hinsicht einen Anknüpfungspunkt für die Lagebeschreibung der innerdeutschen Ökumene bietet. Schwerer jedoch insofern, als dass über dieses auch mediale Großereignis hinaus manches andere ökumenische Vorkommnis positiver und negativer Art rasch hinweggegangen werden könnte.

Ich möchte diesen Lagebericht als eine schlaglichtartige Analyse des gegenwärtigen Standes der ökumenischen Beziehungen der Kirchen in Deutschland in vier Abschnitten sehr unterschiedliche Länge vornehmen:

I. Die Beziehungen zwischen Evangelischer und Katholischer Kirche

II. Die Beziehungen zwischen Evangelischer und Orthodoxer Kirche

III. Die innerevangelischen Beziehungen und

IV. Ein Ausblick auf die weltweite multilaterale Ökumene.

I. Evangelische und Katholische Kirche

Das Verhältnis der beiden großen Kirchen in Deutschland

ist naturgemäß das Zentrum eines ökumenischen Lageberichtes, weil es hier nie allein um rein theologische Fragestellungen geht, die fernab von jeder Gemeindewirklichkeit ablaufen, sondern weil hier Probleme angesprochen sind, die das Zusammenleben von Kirchen, das Zusammenarbeiten von Gemeinden und das Leben in den Familien in Deutschland bestimmt.

Fünf Aspekte möchte ich in diesen Beziehungen für das vergangene Jahr besonders herausstellen:

1. Das Jahr der Bibel

Ich möchte nicht mit dem Kirchentag beginnen, sondern damit, mit dem auch das Kirchenjahr begonnen hat, nämlich das Jahr der Bibel, das zum zweiten Male gemeinsam zwischen Evangelischer und Katholischer Kirche in Deutschland gestaltet wurde. Wer offenen Auges und Ohres die Ereignisse des Jahres verfolgt hat, der konnte immer wieder das Bemühen beider Konfessionen feststellen, die gemeinsame Grundlage des Glaubens – gemeinsam, aber zuweilen auch mit den jeweils eigenen Akzenten – zu würdigen. Natürlich ist es immer leicht zu argwöhnen, dass für die Römisch-Katholische Kirche die Bibel nicht so über der Tradition steht, wie es im evangelischen Raum der Fall ist. In manchen Punkten, die nachher noch zur Sprache kommen werden, wird dies sicherlich schmerzlich bewusst werden. Was jedoch den Umgang mit der Bibel im allgemeinen angeht, also auf der Ebene der Gemeindewirklichkeit und der Spiritualität der Gläubigen, so ist auch in diesem Jahr wieder bewiesen worden, dass es ein großes Maß an Annäherung zwischen den Kirchen in dieser Frage gegeben hat:

Man muß als evangelischer Konfessionskundler feststellen, dass die Bibelfrömmigkeit katholischer Christinnen und Christen die der Protestanten zumindest erreicht hat. Für das evangelisch-katholische Verhältnis im Hinblick auf die Heilige Schrift und das Jahr der Bibel sind auf der anderen Seite doch noch zwei Details anzumerken, deren eines ein häufiges Missverständnis im evangelisch-katholischen gemeinsamen Handeln und Leben betrifft, das andere dann doch das Verhältnis zwischen deutschem Katholizismus und Weltkatholizismus.

Missverständnisse um die „Einheitsübersetzung"

:

Auch in diesem Jahr gab es vereinzelt Irritationen aufgrund der verschiedenen Bewertungen der sogenannten „Einheitsübersetzung" der Heiligen Schrift, unter der Katholiken und Protestanten, absichtlich oder unbewusst, Unterschiedliches verstehen können. Für viele Katholiken, zugegebenermaßen auch für viele ökumenisch engagierte Protestanten, gilt die Einheitsübersetzung als eine, bzw. als die Übersetzung, die eben Einheit zwischen Protestanten und Katholiken erzeugt hat, die von beiden Kirchen als quasi „Kompromissbibel" für den ökumenischen Gebrauch geschaffen ist, und die dadurch andere Bibelübersetzungen, vor allem natürlich die Luther-Übersetzung, ablösen sollte. Die EKD hat sich daraufhin zurecht veranlasst gefühlt, erneut darauf hinzuweisen, dass die „Einheit" der"Einheitsübersetzung" sich allein auf den deutschsprachigen römisch-katholisch Sprachraum bezieht. Die Einheitsübersetzung ist eine deutsche Bibel, die als einheitlich für die Katholiken Deutschlands, der Schweiz, Österreichs und anderer noch deutscher Sprachgebiete geschaffen worden ist. Dergleichen gab es vorher nicht. Es ist natürlich erfreulich und auch wichtig gewesen, dass sich die evangelische Theologie und Bibelübersetzung ab einem bestimmten Stadium an diesem Prozess beteiligt hat, so dass die Psalmen und das Neue Testament unter evangelischer Beteiligung und auch Zustimmung entstanden sind, aber es ist doch keinesfalls so, dass auf evangelischer Seite irgendein Zugeständnis oder irgendeine Abmachung getroffen worden ist, die die Einheitsbibel anstelle der Luther-Bibel vorsieht. Es ist mir wichtig, auf diesen Umstand hinzuweisen, um eben zuweilen entstehende Irritationen zu vermeiden. Es geht nicht um Besserwisserei oder um das Festhalten von Überkommenen. Es geht auch nicht um einen Rückzieher nach dem Motto: Die römisch-kath. Kirche hat uns in den letzten Jahr so viel um die Ohren gehauen, nun zeigen wir mal, dass wir das auch können. Nein, es geht darum, und dies ist ein zentrales Anliegen des Evangelischen Bundes als dem Ökumenischen und Konfessionskundlichen Arbeitswerk der EKD und hier der Evangelischen Kirche im Rheinland, für Klarheit zu sorgen. Die Einheitsübersetzung hat ihre Stärken und ihre Schwächen, und

es ist keinem Ökumenischen Gremium verboten, sie zu nutzen, keinem ökumenischen Gottesdienst ist es verwehrt, aus ihr die Lesungen zu nehmen. Aber es muss evangelischerseits klar gesagt werden können, dass es keinerlei Verpflichtung hierzu gibt, dass Protestanten ihre Übersetzungen, sei es nun die von Luther oder die der Züricher Bibel, nicht durch ökumenische Absprachen hinfällig geworden sind.

Jahr der Bibel oder Jahr des Rosenkranzes?

Der zweite Wermutstropfen, der in der deutschen Ökumene sicherlich kaum eine Rolle gespielt hat, aber für den weltweiten Katholizismus doch eine andere Akzentsetzung bedeutet, ist der Umstand, dass das Jahr 2003 für die römisch-katholische Weltkirche keineswegs ein Jahr der Bibel war, sondern das Jahr des Rosenkranzes, der von Johannes Paul II. in einer erneuerten und erweiterten Fassung vorgelegt wurde. Man sieht dann doch, dass in Rom die Akzente etwas anders gesetzt werden als in Deutschland. Dass es in Deutschland ein Jahr der Bibel gegeben hat, dürfte in Rom kaum jemand zur Kenntnis genommen haben. Auch diesem Detail vermag ich als ökumenischer Realist etwas Positives abzugewinnen: Es zeigt, dass der deutsche Katholizismus durchaus bereit ist, eigene Akzente zu setzen und zwar aus ökumenischen Gründen. Dass diese Möglichkeit ihre Grenzen findet zeigen die nächsten Aspekte, die es zu bedenken gilt.

2. Der Ökumenische Kirchentag

Meilenstein oder keine Meilenstein, das war im Sommer diesen Jahres die unterschiedliche Beurteilung des Ökumenischen Kirchentages im Materialdienst des Konfessionskundlichen Institutes und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nun mag man mit Recht einwenden, dass hier zwei Organe gegenüber gestanden haben, die ja doch sehr unterschiedliche Verbreitung und Rezeption erfahren: Hier die „Zeitung für Deutschland" mit dem Anspruch auf internationale Meinungsbildung, dort ein Organ, dass zwar mit der Auflage von 5.000 zwar eine der auflagenstärksten theologischen Fachzeitschriften ist, das aber freilich doch im wesentlichen nur Spezialisten und ökumenisch-konfessionskundlichen Interessierte erreicht. Ich darf aber doch insofern pro domo eine Lanze für den Materialdienst brechen, als dass sich wieder einmal gezeigt hat, dass die FAZ und die zuständige Redakteurin Heike Schmoll theologische und konfessionskundliche Fairness hinter das billige Bedienen einer konservativen und antiökumenischen Klientel zurückstellt.

Zu simpel ist eine Rhetorik, die nur zwischen „Idealisten" und „Realisten" in der Ökumene plakativ unterscheidet, und die Trennlinie an den Toren des Messegeländes festmacht: Die Idealisten sitzen drinnen und die Realisten, die eben wissen, dass alle Ökumene nichts bringt, die sitzen in der verdienstvollen Humboldt-Universität, die allein sich dem Thema nun objektiv annimmt. Das greift entschieden zu kurz und übersieht die Bemühungen des Kirchentages, und die Bemühungen derer, die auf ihm durchaus gestritten haben und kontrovers argumentieren konnten.

Die FAZ verschweigt, dass es neben Idealisten und Realisten auch noch Pessimisten gibt, zu denen sie und manche andere gehören, die die Ökumene nicht weiterbringen, weil sie das auch gar nicht wollen. Sie bringen damit auch nicht evangelische Kirche und ihre Theologie weiter, für die sie angeblich Lanzen brechen. Die Realisten sitzen an anderer Stelle, und pro domo möchte ich sagen, sie sitzen im Evangelischen Bund und im Konfessionskundlichen Institut in Bensheim. Der Leitartikel des Bundesdirektors Professor Plathow zum Ökumenischen Kirchentag ist ein ausgewogenes Dokument objektiver Einschätzung, in dem die Pro- und Contra-Argumente für die Meilensteinmetapher kurz und prägnant aufgeführt werden.

Der Kirchentag und die Folgen

Und hier ist es doch nun so: Natürlich ist der Kirchentag in vieler Hinsicht eine Enttäuschung gewesen. Entgegen der ursprünglichen Planungen hat es kein gemeinsames Abendmahl gegeben. Das ist für niemanden eine Überraschung gewesen, der die konfessionelle Lage aufgrund konfessionskundlicher Kompetenz bewerten konnte. Der Evangelische Bund hat stets darauf verwiesen, dass bei aller wünschenswerten Tendenz zur eucharistischen Gastfreundschaft es nicht möglich sein wird, das römisch-kath. Lehramt zu bewegen, für die Zeit des Kirchentages oder gar für die spezifische deutsche Situation ihre dogmatischen Grundlagen zu verlassen.

Das ist bedauerlich, aber es ist Realität und wir haben uns immer sehr dagegen verwahrt, wenn aus ökumenischen Kreisen der Anschein erweckt wird, als wäre hier „etwas zu machen". Das halte ich für Realismus. Ich darf auch sagen, dass es der Arbeit des Konfessionskundlichen Institutes auch zu verdanken ist (natürlich nicht allein, aber sicherlich durch konsequente Zuarbeit), dass im Vorfeld des Kirchentages nicht evangelische Positionen vorschnell aufgegeben werden. So z.B. der Umstand, dass wir zu unseren Abendmahlsfeiern einladen. Denn es hat im Vorfeld sicherlich Versuche gegeben, um des lieben Friedens willen die evangelischen Mitveranstalter zu bewegen, von dieser Einladung Abstand zu nehmen, um nicht unnötige Gräben aufzureißen. Dass dies nicht geschehen ist, dass evangelische Gottesdienste auf einem Kirchentag, der auch unter evangelischer Verantwortung steht, selbstverständlich die Angehörigen anderer Konfessionen, sprich hier: die Angehörigen der römisch-katholischen Kirche, zum Abendmahl einzuladen, das ist ein Indiz für die Fähigkeit des Protestantismus, sich mit seinen eigenen Ansprüchen und Fähigkeiten zu profilieren.

Man kann sich auch darüber beklagen, dass die röm.-kath. Hierarchie nach dem Kirchentag in mancher Hinsicht „zurückrudert". Aber es ist eben ein Zeichen ökumenischer Reife und Bereitschaft unserer Kirchen, wenn die evangelischer Bischöfinnen und Bischöfe, Kirchenpräsidenten und Präsides den Kirchentag rundweg ohne Einschränkung als eine gelungene Veranstaltung bezeichnen, die möglichst rasch wiederholt oder gar in eine Tradition umgewandelt werden sollte, während der deutsche römisch-katholische Episkopat etwas hektisch reagiert, indem er gemeinsame ökumenische Veranstaltungen zurückfährt, Suspensionen ausspricht usw. Wo wirklich ökumenische Offenheit eine Kirche erfaßt hat, da braucht sie keine Angst vor Ökumene zu haben.

Es bleibt abzuwarten, ob die Reaktionen ebenso selbstverständliche Nachwirkungen sind wie die auch in Zukunft immer selbstverständlicher werdenden gemeinsamen Gottesdienste auf und neben Kirchen- und Katholikentagen. Dies ist ein Stück ökumenischer Normalität in Deutschland geworden. Darauf wird zur Abendmahlsfrage noch einmal eingegangen werden müssen.

Abschließend möchte ich doch noch einmal der Presse ins Stammbuch schreiben: Für manche, die ein gewisses Alter erreicht haben, bietet ein jeder Kirchentag, aber auch ein jeder Katholikentag, Modernismen und Experimente, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Das ermöglicht jedem, der nur einen Füllfederhalter in der Hand halten kann, die ganze Veranstaltung auch unter Hinweis auf theologische Kriterien zu verreißen. Aber ist das tatsächlich die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten, die ein objektives Bild der kirchlichen Wirklichkeit zeichnen sollten. Die kirchliche Wirklichkeit und auch die ökumenische Kirchlichkeit ist vielschichtig. Sie ist nicht schwarz-weiß.

3. Das Abendmahl

Dass die Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia" noch rechtzeitig vor dem Kirchentag erschien, mag man als Zufall bezeichnen oder nicht. Bezeichnet man es nicht als Zufall, was ja angesichts der Debatte in Deutschland nahe liegt, so spräche dies für die Aufmerksamkeit der römischen Kirche, die Probleme in Deutschland nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Ich hoffe, dass dies so ist. Betrachtet man das Erscheinen der Enzyklika jedoch nicht als zufällig, wie offiziell auch beteuert wird, so spricht das eher gegen Rom:

Es wäre ein erneuter Beleg dafür, dass die Verhältnisse in Deutschland in Rom eigentlich keine große Beachtung finden. Wie viele Verlautbarungen Roms in den letzten Jahren enthält auch diese Enzyklika im dogmatischen Kern nichts Neues. Sie gehört, betrachtet man den Pontifikat diese Papstes insgesamt, zu einer Art von Vermächtnis, mit dem er seinen Nachfolgern den Weg ein bisschen vorschreiben möchte. Gleichwohl sind auch hier zwei konfessionskundliche Anmerkungen zu machen.

Das erste ist, dass nun wenige Wochen zuvor die drei Ökumenischen Institute von Straßburg (Lutherischer Weltbund), von Tübingen (Kath.-Theol. Fakultät) und Bensheim ein Thesenpapier publiziert und begründet haben, in dem erstmals evangelische und katholische Theologen – und zwar solche, die nicht in offiziell eingesetzten Kommissionen sind, den theologischen Versuch gemacht haben, das Mögliche in Frage Abendmahlsgemeinschaft zu formulieren. Die Argumente des Gutachtens sind nicht neu, sie sind auch in der röm.-kath. Theologie des öfteren vertreten worden, d.h. sie sind auch in Rom bekannt. Wenn die Enzyklika auf die Versuche, eucharistische Gastfreundschaft auch röm.-kath. theologisch zu begründen, nicht eingeht, sondern die gängige Theologie zu bekräftigen, so zeigt das ziemlich klar, dass es in Rom keinen Willen gibt, ökumenische Annäherungen beim Abendmahl voranzubringen. Auch dies gehört zum ökumenischen Realismus: Das röm.-kath. Lehramt als solches hat kein Interesse an einem gemeinsamen Abendmahl zwischen evangelischen und röm.-katholischen Christinnen und Christen.

Das Problem der „eucharistischen Anbetung"

Die entsprechenden Passagen der Enzyklika sind aber vielleicht weniger beunruhigt, als die, die sich auf die „eucharistische Anbetung" beziehen. Hier wurde übersehen, was die Ausführungen zur Anbetung der geweihten Hostie im Tabernakel, zur Fronleichnamsfrömmigkeit und dergleichen bedeuten. Diese Bedeutung wird einem klar, wenn man die Stellungnahme der deutschen Bischöfe zum Projekt Lehrverurteilungen kirchentrennend studiert, wo zu Fragen der Fronleichnamsfrömmigkeit und der Anbetung des Sakraments außerhalb der Messe angemerkt wird, dass hier eine Verständigung möglich sein könnte, da es sich eher um traditionelle Frömmigkeitsaspekte als um Fragen der Lehre handele. Hier ist Johannes Paul II. gänzlich anderer Meinung und dies ist beunruhigend: Formulierungen wie die, dass die eucharistische Anbetung genauso wichtig für die Frömmigkeit des Katholiken sei wie die Messfeier selber, sind ökumenisch ausgesprochen bedenklich. Wenn es in der Abendmahlsfrage, was den praktischen Vollzug angeht, in den letzten Jahrzehnten eine Annäherung gegeben hat, dann in der Frage nach dem Umgang mit den Elementen.

Nun bleibt es also dabei, dass katholischerseits genau das als Gipfel der Frömmigkeit dargestellt wird, was für Protestanten das Skandalösteste am kath. Abendmahlsverständnis ist: Die Verehrung des Sakraments außerhalb der Messe. Es ist nicht einzusehen, warum ev. Kirchen, und hiervor ist sicherlich auch die Ev. Kirche im Rheinland mit ihren zum Teil starken reformierten Akzenten betroffen, aufgefordert werden, einen angeblich würdigeren Umgang mit den Elementen des Abendmahls einzuführen.

Wie geht es weiter mit dem Abendmahl?

Ich bin an dieser Stelle gerne bewusst provokativ: Eben aus ökumenischem Realismus heraus glaube ich nicht, dass es zu einer sinnvollen theologischen Verständigung in der Abendmahlsfrage kommen kann. Und zwar nicht, weil diese theologisch möglich wäre. Das Gutachten Tübingen-Bensheim-Straßburg hat gezeigt, dass diese Möglichkeit besteht. Sondern aus dem erwähnten Unwillen der römischen Zentrale. Aber auch dem Unwillen von Teilen des deutschen röm.-kath. Episkopates. Ich stelle auf der anderen Seite eine große Bereitschaft kath. Christinnen und Christen z.T. auch kath. Priester fest, in der Abendmahlsfrage eigene, vom Lehramt und den dogmatischen und kirchenrechtlichen Anforderung unabhängige Linien zu vertreten. Ich finde es gerechtfertigt, so vorzugehen und wage zu behaupten, nur durch ökumenische Praxis, d.h. nur durch eine Praxis eucharistischer Freundschaft, die auf röm.-kath. Seite illegal ist, ist ein Fortschritt in der Abendmahlsfrage zu bewirken.

Mir ist klar, dass es für protestantische Kirchenrepräsentanten schwer ist, eine solche Meinung öffentlich zu vertreten, ohne die offiziellen Beziehungen zwischen röm.-kath. Kirche und ev. Landeskirche zu irritieren. Vielleicht ist es das Privileg des Theologieprofessors und Vorsitzenden eines Arbeitswerkes, diese Feststellung zu treffen.

4. 25-jähriges Papstjubiläum von Johannes Paul II.

Lassen Sie mich einige Worte zu diesem Ereignis sagen, das nun auch sehr medienwirksam gewesen ist und das auch einige theologische Implikationen enthält, die für das Zusammenleben unserer Kirchen nicht unbedeutend sind. 25 Jahre Papst – das ist keine Selbstverständlichkeit. Es gab erst zwei, die eine solche Amtszeit verbringen durften: Papst Pius IX., der erste „unfehlbare" Papst und sein Nachfolger Leo XIII., der zweite in dieser Reihe. Man hat die Dauer des Pontifikates von Pius IX. durchaus als heilsgeschichtliches Ereignis interpretieren können, da er der Erste war, der die legendären sogenannten 25 Jahre des Petrus in Rom übertroffen hat. Ein Umstand, der die Petrus-Nachfolge aufs Eindrücklichste zu bezeugen geneigt ist. Was kann es nun bedeuten, dass ein Papst 25 Jahre sein Pontifikat ausübt? Nicht offizielle natürlich, aber doch atmosphärisch und „spirituell" bedeutet es, dass ein solcher Papst eine besondere Autorität besitzt im Reigen der 265 Päpste.

Das bedeutet, dass Johannes Paul II., spätestens nach seinem Ableben, eine besondere Autorität sein wird. Seine Seligsprechung wird nicht lange auf sich warten lassen, und das wiederum bedeutet, dass seine Entscheidungen, auch seine theologischen Entscheidungen, ein erhöhtes Gewicht bekommen. Ein Gewicht, dass Nachfolger, sie mögen so „progressiv" sein wie sie wollen, aus einem bestimmten dogmatischen Gefüge nicht so schnell herauskommen werden, wie sie es vielleicht möchten. Dies ist das eine. Das andere ist, dass Johannes Paul II., das mag für unsere deutschen Ohren überraschend klingen, global gesehen, nicht der Konservative ist, auch nicht unbedingt der theologisch Konservative, für den er hierzulande gehalten wird. Wir dürfen ihn nicht allein mit unseren deutschen ökumenischen Maßstäben messen. Er ist ein Papst, der in lutherischen Kirchen predigt, in Synagogen spricht, mit Moslems, Buddhisten und Vertretern anderer Religionen gemeinsam betet. Das ist etwas, was nicht für alle römischen Katholiken wünschenswert ist. Auch die Reisen des Papstes werden von manchen Konservativen in Rom eher kritisch betrachtet: Ein Katholik hat zum Papst zu reisen, und nicht der Papst zu ihm. Es gibt auch nicht Wenige, die nicht nur die Reisen des Papstes als inflationär betrachten und überflüssig, sondern die auch seine Heiligenpolitik nicht ganz kritiklos beobachten. Ein Papst, der mehr Menschen selig und heilig spricht als alle Vorgänger vor ihm, handelt „außer der Reihe". Das ist, soweit ich es als Kirchenhistoriker überblicken kann, für die römische Kurie nicht normal. Es steht zu befürchten, ich hoffe, dass ich mich irre, dass der nächste Papst ein wirklich konservativer Kurielist sein könnte, der manches von dem, als was zu progressiv und exzentrisch angesehen wird, zurückfährt. Damit müssen wir rechnen.

Der kranke Papst: Märtyrer oder Opfer?

Ein letztes, das äußere Auftreten des Papstes unterliegt einer zwiespältigen Beurteilung. Ich persönlich empfinde es als nicht schön, um es vorsichtig auszudrücken. Ich habe es vor einigen Jahren in Rom erlebt, und werde es möglicherweise mit meinen Studierenden im kommenden Frühjahr in Rom erneut erleben, dass hier ein Mensch, und das ist der Papst nun einmal, mit Mitteln der Medientechnik, der Kosmetik und der Medizin vorgeführt wird. Manche stilisieren dieses Verhalten als eine Art Martyrium hoch, ich vermag dies nicht. Ein Amtsträger der Kirche, egal wie viele Christen er repräsentiert, sollte nicht auf eine solche unwürdige Art und Weise instrumentalisiert werden. Mir ist klar, dass ein Rücktritt des Papstes eine, sagen wir einmal vorsichtig, interessante kirchenrechtliche Perspektive eröffnen würde. Gleichwohl wäre dies eine evangelische Empfehlung an die Schwesterkirche, zu überdenken, ob nicht nun der Zeitpunkt gekommen ist, über die zeitliche Begrenzung eines Papstsamtes nachzudenken. Die moderne Medizin wird sonst in Zukunft noch mehr von ihrer Unmenschlichkeit zeigen können. Welcher Kirche nützt ein Oberhaupt, das ab einem bestimmten Zeitpunkt nur Mitleid oder falschen Stolz produziert?

5. Die Altkatholische Kirche

Schließlich gehört für mich zur Beziehung zwischen Evangelischer und Katholischer Kirche die Beziehung zwischen Evangelischer und Altkatholischer Kirche, etwas, was man nun hier in Bonn sicherlich besonders akzentuieren darf, da Bonn seinen Status als Bischofsstadt ja immerhin der Anwesenheit eines altkatholischen Bischofs zu verdanken hat. Ich möchte hierzu nur eine persönliche Begebenheit schildern, die nicht lange zurückliegt und die mich doch noch beeindruckt: Ich hatte die schöne Gelegenheit, auf Einladung des altkatholischen Bischofs Joachim Vobbe am Erstsemester-Gottesdienst der altkatholischen Studierendengemeinde die Predigt halten zu dürfen und wurde mit eine für mich überraschenden großen Selbstverständlichkeit gebeten, mit dem Bischof und einem weiteren altkath. Priester bei der Feier der Eucharistie zu Konzelebrieren. Ich empfand die Feier als außerordentlich würdig und als eine neue spirituelle Erfahrung, aber auch als ökumenisches Indiz. Wie viel leichter ist es für Kirchen, die ungebunden sind (ich weiß nicht welches andere Wort ich dafür benutzen soll), Dinge zu tun, die auf den ersten Blick vielleicht theologisch problematisch sind. Für mich war sicherlich die Vorstellung einer Konzelebration theologisch nicht ganz alltäglich, für den Bischof mag es nicht unproblematisch gewesen sein, mit eintzt. Wir Unierte haben hier eine besondere Verantwortung: Wir können durch unsere Erfahrungen zeigen, dass es möglich ist, in einer Kirche als reformierte, lutherische oder auch bekenntnisunierte Gemeinden unter einem Dach zusammen zu leben und zu glauben.

Zu den konkreten Forschritten der evangelisch-evangelischen Ökumene , die wie gesagt nicht selbstverständlich ist, gehört auch, dass im vergangenen Jahr die Evangelische Kirche in Deutschland mit den Lutherischen Kirchen von Finnland und Schweden, die nicht zur Leuenberger Kirchengemeinschaft gehören, Vereinbarungen über die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft getroffen hat. Das bedeutet, dass ev. Christinnen und Christen nun über den Bereich der Leuenberger Kirchengemeinschaft hinaus mit allen skandinavischen Kirchen Abendmahlsgemeinschaft haben.

V. Die Charta Oecumenica

Es ist nur noch in aller Kürze auf ein Dokument einzugehen, dass möglicherweise eine Zukunft hat, vielleicht aber auch nicht. Es handelt sich um die sogenannte Charta Oecumenica, die von zahlreichen Kirchen Europas unterzeichnet worden ist und die eine Art ökumenischen Verhaltenskodex beinhaltet, auf den die Kirchen sich verpflichten. Auf die Entstehungsgeschichte der Charta Oecumenica einzugehen, verbietet die Zeit, erwähnt sei aber, dass sie im Lauf ihrer Redaktionsgeschichte zahlreiche Veränderungen, besonders Abschwächungen erfahren musste. Der Verpflichtungscharakter der Charta Oecumenica ist ausgesprochen gering. Sie deshalb so zu verreißen, wie es wiederum Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getan hat, ist natürlich möglich. Aber vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, aus diesem Papier etwas zu machen, was auf politischer Ebene den KSZE-Papieren entspricht. Es ist ein Dokument, auf das die Kirchen immer wieder aufmerksam gemacht werden können, wenn es zu Amositäten, Missverständnissen, Provokationen und Irritationen kommt.

Ein Beispiel: Die Kirchen verpflichten sich in diesem Dokument, anderen Kirchen, vor allem Minderheitskirchen, Kirchenräume zur Verfügung zu stellen, wenn diese Kirchen nicht über entsprechende Räumlichkeiten verfügen. Das kann sehr weit gehen. Und es kann auch das Schlucken von Kröten bedeuten. Wie ist es denn, wenn die Landeskirche einer Freikirche Räume zur Verfügung stellt. Geschieht dies, oder gibt es dort Schikanen? Dass die Großen dort gegenüber den Kleinen zuweilen ihre Macht ausspielen, zeigt ein Beispiel aus Regensburg, wo die altkath. Gemeinde traditionellerweise eine röm.-kath. Kapelle für ihre Gottesdienste benutzen durfte. Es kam ein neuer röm.-kath. Bischof, es kam ein neuer altkath. Priester, der einmal ein röm.-kath. Priester war. Nun hat die altkath. Gemeinde keinen Kirchenraum mehr. Ein Konfliktfall, bei dem beide Parteien verständliche Motive haben, ein Fall, bei dem die Charta Oecumenica möglicherweise zu Gunsten der Altkatholiken entschieden hätte. Ökumenische Willensbekundungen, und eine solche ist die Charta Oecumenica, sind in sehr starkem Maße davon abhängig, was man mit ihnen macht, wie ernst man sie nimmt, und wie groß der Druck von verschiedenen Seiten ist, sie einzuhalten. Das ist im wesentlichen eine Frage der Rezeption. Die Charta Oecumenica hat nur Erfolg, wenn jedermann in der Ökumene sie kennt, und bei jedem Konflikt aus der Tasche gezogen werden kann.

Aber so ist es mit aller Konfessionskunde und ökumenischen Arbeit. Konfessionskunde heißt: Den Nächsten kennen wie sich selbst. Evangelische Konfessionskunde muss bemüht sein, die anderen Kirchen und Konfessionen in ihrem Selbstverständnis zu begreifen, um die eigene Position, das eigene Profil mit anderen Profilen und Kenntnisse ins Gespräch zu bringen. Aber das Wichtigste ist der „ökumenische Wille". Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Wo kein Wille ist, da ist kein Weg.

Mit den ökumenischen Beziehung zwischen den Kirchen ist es wie mit dem Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Artikelaktionen