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Heisenberg Programm - Research Project (abgeschlossen)

Bekehruntererfahrung und -erinnerung bei Paulus und "Johannes": Ein neuer Vergleich der theologi-schen Denkstrukturen des Paulus und des "Johannes" aus interdisziplinärer und orthodoxer Perspektive

Zusammenfassung

Das Projekt mit dem Titel „Bekehruntererfahrung und -erinnerung bei Paulus und Johannes: Ein neuer Vergleich der theologischen Denkstrukturen des Paulus und des Johannes aus interdisziplinärer und orthodoxer Perspektive“ untersucht die Beziehung zwischen der johanneischen und der paulinischen Theologie. Es wurden bereits viele Versuche unternommen, um die theologischen Ähnlichkeiten beider Corpora zu erklären, doch hat bisher noch niemand Paulus und Johannes auf der Basis jener Formulierungen verglichen, die die Bekehrungserfahrung reflektieren. Der Begriff Bekehrung wird in diesem Projekt konventionell als Übersetzung des englischen Begriffes conversion gebraucht und beschreibt eine dynamische und andauernde Erfahrung, die eintritt, wenn jemand: 1.) Traditionen wechselt oder die Beziehung zu seiner Tradition intensiviert; 2.) eine alternative Lebensweise annimmt und, 3.) seine Identität rekonstruiert. Im Mittelpunkt des Projektes steht die Exegese (unter synchronem und diachronem Aspekt) der einschlägigen paulinischen und johanneischen Textgrundlagen. Die Fragestellung enthält aber auch wichtige Impulse nicht nur aus der aktuellen neutestamentlichen Exegese, sondern auch aus der patristischen Auslegungstradition sowie aus dem interdisziplinären Feld der Bekehrungsforschung. Darum werden neben der historisch-kritischen Exegese die aktuellen Tendenzen in der empirischen Bekehrungsforschung besprochen und die Rezeption der relevanten Texte in der frühen Kirche untersucht.

Die Erforschung der antiken Traditionen im Rahmen dieses Projektes hat gezeigt, dass es eine auffällige Überlappung zwischen Religion und Philosophie in der Zeit des Paulus und des Johannes gibt, die auch in ihren Bekehrungsrelevanten Reflexionen widerspiegelt wird. Deswegen umfasst dieses Projekt auch die Darstellung des Phänomens der philosophischen Bekehrung in der frühen Kaiserzeit. Diese Untersuchung stellt die Behauptung in Frage, dass die hellenistisch-philosophische Bekehrung radikal unterschiedlich als die christliche Bekehrung ist. Sie beweist, dass sich Paulus und Johannes an einem kulturellen Diskurs beteiligen. Ihre Gesprächspartner sind Vertreter nicht nur biblischer, sondern auch philosophischer Traditionen. Sie versuchen Konvertiten zu gewinnen, die auch mit hellenistischen Paideia-Modellen vertraut sind. Seit der Zeit Platos hatte die παιδεία bzw. ἀγωγή die Bekehrung des Menschen vom Status, den er/sie durch seine physische Geburt in der materiellen Welt empfängt,zur Wahrheit zum Ziel (μεταστροφὴ ἀπὸ γενέσεως ἐπ’ ἀλήθειαν Plato, Resp. 7, 525C).

Die detaillierte Besprechung der einschlägigen paulinischen und johanneischen Texte hat bewiesen, dass Paulus und Johannes bei diesem Versuch unabhängig voneinander agieren. Sie haben Zugang zu denselben biblischen Traditionen und teilen einen ähnlichen christozentrischen Hintergrund aber sie weisen in ihren Reflexionen über die Anfänge des christlichen Lebens sowohl Ähnlichkeiten als auch Differenzen auf. Paulus hebt z. B. mehr als Johannes die Dichotomie der Zeit (einst/jetzt) hervor, während Johannes eine größere Vorliebe für die Dichotomien oben/unten sowie Welt/Gemeinde zeigt. Entsprechend deutet Paulus die Bekehrungserfahrung als eine „neue Schöpfung“, Johannes hingegen als eine „Geburt von oben“. Die patristischen Interpretationen der ersten fünf Jahrhunderte helfen uns näher zum kulturellen Diskurs der Kaiserzeit zu kommen sowie die Arte und Weise zu beschreiben, in der Menschen der Antike mit philosophischer und rhetorischer Ausbildung die Reflexionen des Paulus und des Johannes deuten würden.

Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts wurden teilweise schon durch einzelne Aufsätze und Vorträge präsentiert sowie im Rahmen der Conference on Religious and Philosophical Conversion (S. www.corpc.uni-bonn.de) vorgetragen, die in 2018 an der Universität Bonn organisiert wurde. Die einschlägige Monographie wird dieses Jahr im Verlag Brill Deutschland publiziert und der Tagungsband ist in Vorbereitung für die Reihe Ancient Philosophy & Religion beim Brill Verlag

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