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Beispielartikel

Agrapha

Unter Agrapha (Sg. Agraphon. Von griech.: α- „nicht“ [Alpha-privativum, „verneinendes A“] und γράφω „schreiben“) versteht man die außerhalb der kanonischen Evangelien überlieferten Herrenworte. Obwohl der Begriff zunächst vermuten ließe, dass die Agrapha mündlich überlieferte („nicht geschriebene“) Herrenworte sind, handelt es sich um auf Jesus zurückgeführte Worte in den Schriften des frühen Christentums, Judentums und Islams. Z.B. Apg 20,35: „[…] der Worte des Herrn Jesus gedenken, die er selbst gesagt: Geben ist seliger als nehmen.' “; Ev. Thom. 82: „Jesus sprach: ‚Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe, und wer mir fern ist, ist fern vom Reich.' "

 

Dittographie

Der Begriff Dittographie (von griech. δισσός/διττός „zweifach“, „doppelt“ und γράφειν „schreiben“; sinngemäß: „Doppeltschreibung“) gehört in die →Textkritik und bezeichnet dort einen Abschreibefehler, bei dem ein Buchstabe, eine Buchstabenfolge oder ein Wort aus Versehen doppelt geschrieben wird.Eine Dittographie liegt möglicherweise an einer textkritisch umstrittenen Stelle in 1Thess 2,7 vor: Wenn die Lesart der Variante ΕΓΕΝΗΘΗΜΕΝΗΠΙΟΙ (ἐγενήθημεν ἤπιοι „wir waren freundlich“) gegenüber der Lesart des Textes (NA28) ΕΓΕΝΗΘΗΜΕΝNΗΠΙΟΙ (ἐγενήθημεν νἤπιοι „wir waren unmündig“) ursprünglich ist, kann die Lesart des Textes als Dittographie erklärt werden (Verdoppelung ν). Das Gegenteil einer Dittographie ist die →Haplographie.

 

Erzählerisches Sammelbecken

Der Begriff stammt von E. Lämmert und bezeichnet innerhalb einer übergeordneten Großerzählung eine Folge von mehreren Episoden, die miteinander verbunden und von anderen Episoden oder Sammelbecken abgegrenzt sind. Solche Sammelbecken können entweder durch topographische, zeitliche oder figurale Gliederungssignale markiert werden. Im Lukasevangelium z.B. werden immer wieder dadurch erzählerische Sammelbecken gebildet, dass Ereignisse, die an zwei Orten spielen, aufeinander bezogen und dadurch als Einheit gekennzeichnet werden: 2,4–21/22–39 (Bethlehem und Jerusalem); 4,14–30/31–43 (Nazareth und Kapharnaum); 7,1–10/11–50 (Kapharnaum und Naïn). Auch der sog. lukanische Reisebericht (Lk 9,51 – 18,34), dessen Episoden an keinem bestimmten Ort spielen, kann als erzählerisches Sammelbecken gelten.

 

Genus deliberativum

Der Begriff (von lat. genus „Gattung“, deliberare „erwägen“, „abwägen“), in der griech. Rhetorik Genos symboleutikum (von griech. γένος „Gattung“, συμβουλεύω „raten“), bezeichnet eine der drei Redegattungen, die nach der klassischen Einteilung der rhetorischen Genera bei Aristoteles, Rhet. 1,3,3 dadurch gekennzeichnet ist, dass sie die Hörer oder Leser zu einer bestimmten Handlung oder einer bestimmten Lebensweise hinwenden oder von ihnen abwenden will (→Paränese, →Protreptisch I). Dementsprechend bezieht diese Redegattung sich auf „das Nützliche“ und „das Schädliche“ (Aristoteles, Rhet. 1,3,5). Es geht in ihr in der Regel um Entscheidungen oder Handlungen, die vom Redezeitpunkt aus gesehen in der Zukunft liegen. Im AT gehören z.B. die weisheitlichen Mahnreden des Proverbienbuches zu dieser Gattung, im NT vor allem der Gal, der Kol und die Pastoralbriefe als ganze, aber auch alle paränetischen und protreptischen Texte wie z.B. Lk 3,7–9 par. oder die Bergpredigt bzw. die Feldrede. →Protreptisch II → Genus demonstrativum → Genus iudicale.

 

intentio operis

Die von Umberto Eco eingeführte Kategorie der intentio operis (von lat. intentio „Absicht“, opus „Werk“) vertritt im Dreieck von Autor, Text und Leser den Text (= das Werk). Sie basiert auf der Einsicht, dass jeder Text sowohl gegenüber dem Autor als auch gegenüber dem Leser autonom ist. Ein Text beruht nicht allein auf dem Gestaltungswillen des Autors und dieser Gestaltungswille ist nie vollkommen frei. Denn ein Text basiert auch auf vom Autor unabhängigen sprachlichen Strukturen und Mechanismen, die auch dem Autor übergeordnet sind und z.T. auch unbewusst bei der Erstellung eines Textes wirksam sind. Der vom Autor aus der Hand gegebene Text hat seinen Sinn nicht unmittelbar aufgrund der Aussageabsicht des Autors (→intentio auctoris), sondern aufgrund des "Eigenlebens" seiner sprachlichen Elemente in ihren Strukturen. Deshalb sind die Aussageabsicht des Autors und der Sinn des Textes nie genau ein- und dasselbe. Von daher ist es sinnvoll, den Sinn des Textes zunächst im Text selber zu suchen, ohne auf den Autor und seine Absicht zu reflektieren. Die intentio operis ist demnach die erste Adresse bei der Frage nach Sinn und Absicht eines Textes, zumal nur über den Text die Aussageabsicht des Autors ermittelt werden kann, die sich eben nie vollständig mit der intentio operis deckt. Zugleich ist die intentio operis im Hinblick auf die verschiedenen Interpretationen und Lesarten eines Textes durch den Leser die Größe, an der sich die →intentio lectoris messen und korrigieren lassen muss, wenn sie nicht beliebig werden soll.

 

Itazismus

Der Itazismus (auch: Iotazismus), als wesentliches Merkmal der Sprachveränderung vom klassischen Griechisch zur →Koine, bezeichnet die Aussprache des η (Eta) als ι (Iοta). Die Aussprache anderer Laute, wie ει, αι, ε, υ, etc. mit ι kann ebenfalls vorkommen. Für die Textkritik ist dieses Phänomen relevant, da es durch gleiche Aussprache verschiedener Laute zu Fehlern beim Diktat kommen kann. In 1Kor 15,54f. lesen P46 B D* 088 pc νείκος („Streit“) statt νῖκος („Sieg“). Der Apparat vermerkt an dieser Stelle ex itac. = auf Grund eines Itazismus.

 

Paränese

Als Paränese (von griech. παραίνεσις „Zuspruch“, „Ermunterung“, „Ermahnung“) bezeichnet man Mahnungen und Anweisungen, die zu einer bestimmten Lebensweise auffordern oder von ihr abraten wollen (→Genus deliberativum; →Protreptisch I). Es geht ihr nicht um punktuelle Handlung in Einzelfällen, sondern sie will stets das dauerhafte Verhalten beeinflussen. Die Intention der Paränese ist der Absicht der protreptischen Mahnrede (→Protreptisch II) gegebenenfalls nachgelagert: Sie sagt, wie man sich verhalten soll, nachdem man sich einmal für oder gegen einen bestimmten Weg entschieden hat. Im NT erfasst sie daher den Vorgang, wie die von Jesus ausgehende Heilserfahrung in die Lebenspraxis umgesetzt wird. So z.B. Röm 12,1: „Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist.”

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