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Fachprofil

Systematische Theologie ist die methodisch geleitete, fachwissenschaftliche Reflexion des christlichen Glaubens: Welche Glaubenssätze sind für Christ*innen unverzichtbar? Wie haben sie sich im Verlauf der Dogmen- und Theologiegeschichte entwickelt? Wie lassen sie sich heute verstehen und welche Konsequenzen haben sie für unser Denken, Reden und Handeln in dieser Welt? Um diese Fragen beantworten zu können, braucht es die genaue Kenntnis der christlichen Zentralthemen und die Fähigkeit, „die Lebensgeschichte der Dogmatik“ erzählen zu können. Denn die Vorstellungen, Begriffe, Ideen und Theorien unserer christlichen Tradition sind ja zu keiner Zeit einfach so „vom Himmel gefallen“, sondern sind jeweils durch ihre historischen und soziokulturellen Entstehungsbedingungen geprägt. Begriffe wie „Allmacht“, „Gnade“, „Sünde“ oder „Versöhnung“ sind daher aus ihrer jeweiligen Zeit heraus zu verstehen und zu reflektieren. In unserer Fachsprache formuliert heißt das: Systematische Theologie ist die Reflexion der Kernsätze und Kernthemen des christlichen Glaubens in Bibel (AT/NT/Apokryphen), Tradition (kirchliche Dogmengeschichte/ Theologie) und eigener Urteilsbildung; sie ist die Reflexion der Begriffe, Motive, Vorstellungen, Gestaltungen und Kontexte des christlichen Denkens, Wollens und Handelns; sie enthält die Reflexion der Glaubenssätze in standardisierter Methodik, stringenter Argumentation und verbunden mit Ideengeschichte und Zeitdiagnostik. Das ist der Grund, weshalb sich die Systematische Theologie in vier Teilfächer untergliedert: Die beiden großen Teilfächer Dogmatik und Ethik, die beiden kleineren Teilfächer Religionsphilosophie und Theologiegeschichte.

Die Dogmatik verständigt sich über Thema und Struktur, Kontext und Überlieferung, Kernsätze und Mitteilung des christlichen Glaubens vor dem Hintergrund des jüdisch-christlichen Dialogs und der interkulturellen Theologie. Sie kann sich auf einzelne theologische Themenfelder konzentrieren, muss aber immer das gesamte Feld des christlichen Glaubens vor Augen haben. Sie ist kein abstraktes Lehrgebäude, sondern kritischer Denk- und Reflexionsraum des christlichen Glaubens.
 
Die Ethik behandelt die wissenschaftliche Wahrnehmung und verantwortliche Steuerung des mit dem Glauben verbundenen Handelns. Das kann als Prinzipien- oder Grundlagenethik geschehen oder in den vielen Teilbereichen der angewandten Ethik, z.B. der Friedens- oder Nachhaltigkeitsethik, Wirtschafts- oder Rechtsethik, Bio- oder Medizinethik etc. 
 
Die Religionsphilosophie erklärt unsere Denk- und Sprachmuster: Begriff, Vorstellung, Postulat, Idee; unmittelbares und mittelbares, konkretes und abstraktes Denken; Theorie und Praxis; Positivität und Normativität usw. Sie reflektiert das Verhältnis von Glauben und Vernunft, von Glaube und Religion, von Religion und Wissenschaften und fragt nach der Bedeutung von Religion in der alltäglichen Lebenswelt sowie für das individuelle Bewusstsein. Sie verdeutlicht erkenntnistheoretische, phänomenologische, symboltheoretische, logische, ästhetische (…) Aspekte dogmatischer Kernthemen (z.B. Gottesgedanke).
 
Die Theologiegeschichte präsentiert die wichtigsten Positionen und ideengeschichtlichen Zusammenhänge der neueren evangelischen Theologie seit der (frühen) Neuzeit. Sie lässt dabei die markantesten Denktypen der (Systematischen) Theologie zu Wort kommen, deren Modelle bis heute die eigene Urteilsbildung orientieren können. 
 
Was ist das Ergebnis eines guten systematisch-theologischen Studiums? Jede ordentliche systematisch-theologische Argumentation braucht erstens Grundlagenwissen, d.h. Sie sollten Auskunft geben können, worum es bei Ihrem Thema geht, welche Begrifflichkeiten leitend sind und welche Namen und Epochen damit besonders verbunden sind. Zweitens braucht es die Orientierung an den Klassikern, d.h. Sie sollten Auskunft geben können, welche Hauptwerke Sie mit welcher Begründung für besonders anregend halten, wie sie sich in das Gesamtwerk der jeweiligen Autor*innen einfügen, und selbstverständlich wie die Argumentation methodisch angelegt und inhaltlich positioniert ist. Drittens braucht es den aktuellen Diskurs, d.h. Sie sollten wissen, in welcher Weise Ihr Thema in den gesellschaftlichen und kirchlichen Diskurs der Gegenwart hineinspielt. Dazu gehören z.B. Thementransformationen (denn viele der alten Themen tauchen heute in neuer, ungewohnter Diktion auf), methodische Neuorientierungen, mögliche Konfliktlinien zwischen Theologie und anderen Wissenschaften oder umgekehrt ungeahnte neue Synergien und schließlich offene, weil derzeit noch ungeklärte Problemkonstellationen. Das gilt für Dogmatik wie für Ethik, weil Systematische Theologie nie nur Archivwissen ist, sondern Glaubensreflexion mit Gegenwartsverantwortung.
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