Sie sind hier: Startseite Personen Lehrstuhl Richter Forschungsschwerpunkte Liberale Frömmigkeit?

Liberale Frömmigkeit?

 

Die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bonn steht in der Tradition der Vermittlungstheologie wie der im 20. Jahrhundert scharf geführten Auseinandersetzungen um die sogenannte „liberale Theologie“. Die theologiegeschichtliche Zuordnung liberaler Theologie lässt sich im Sinne einer Ahnengalerie zwar mit den Namen von Semler und Schleiermacher, von Albrecht Ritschl, Wilhelm Herrmann und Adolf von Harnack, später sogar Rudolf Bultmann verbinden, aber eine einheitliche und/oder klar abgrenzbare Schule hat sie nicht gebildet. „Liberal“ meint auch nicht die gängige politische Parteienbezeichnung, sondern steht im Sinne eines „Arbeitstitels“ für das Programm einer Verzahnung der Religion mit Kultur, Wissenschaft, Politik und Kunst bei gleichzeitiger kritischer Wahrnehmung und Analyse jeweils zeitgenössischer öffentlicher wie privater Lebensformen. Damit geht einher die Konzentration des christlichen Glaubens auf dessen ethische Bedeutung für Personalität und Lebensführung. Harte Offenbarungsansprüche sind in dieser Tradition in den Hintergrund getreten zugunsten der Konzentration auf ein mündiges und aufgeklärtes Christentum, das den Akzent auf die innere Erfahrung von Glaubensvollzügen legt.

Im Kontext der gegenwärtigen interkulturellen wie interreligiösen Spannungen und Verständigungsprozesse gewinnt diese Linie zunehmend an Bedeutung und prägt mittlerweile die Mehrheit der theologischen Lehrstühle Deutschlands; so auch in Bonn, obwohl diese Fakultät zugleich bleibend und völlig zu Recht mit dem Namen Karl Barths verbunden bleiben wird. Zu den bedeutendsten Forschungsergebnissen der liberalen Tradition zählen die extensive Auseinandersetzung mit dem Religions- und Kulturbegriff sowie die Bedeutung der Medialität (z.B. Symbol, Metapher, Bild, Narration, Interpretation, Deutung etc.), wobei die Forschung in Deutschland allerdings über weite Teile einer traditionsverbundenen, zuweilen gar ins Hagiographische tendierenden Historisierung verhaftet bleibt. Das Potential für eine explizit – so auch von Barth geforderte – theologische Gestaltung der Theologie selbst wie die Frage nach Ausdruck bzw. neuen Ausdrucksformen gegenwärtiger liberaler religiöser Frömmigkeit ist hingegen noch wenig ausgeschöpft, zumindest solange sie nicht in der Ästhetik aufgeht. Diese Frage ist jedoch von höchster Bedeutung, denn nur eine aufgeklärte und der allgemeinen Kultur zugewandte liberale (oder auch unter neuem Namen zu findende!) Frömmigkeit schützt vor einer fundamentalistischen Instrumentalisierung religiöser Vorstellungen.

Perspektivisch ließe sich die Frage nach Liberalität (bzw. einem möglicherweise neu zu bestimmenden „Arbeitstitel“) und Frömmigkeit – u.a. im Kontext des Programms einer Theorie des Christentums – zu einem größeren Projekt ausbauen, zumal sich die Problematik keineswegs auf den Protestantismus beschränkt, sondern in konfessioneller und religiöser Variation ebenso für die katholische Tradition wie für den Islam gilt. Zudem ist die aktuelle Frage nach der Medialität bzw. medialen Transformation religiöser Gehalte, Vollzüge und Strukturen, wegweisend für Wahrnehmung, Analyse und zeitgemäße Orientierung religiöser Vorstellungen. In jedem Fall aber ist auch solch eine Theorie des Christentums nur im Sinne einer Theologie in existentieller, lebensnaher Dringlichkeit zu verstehen.


Zugehörige Projekte:

 

Artikelaktionen