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Das Lexikon

 

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Willkommen beim Bonner Exegetischen Lexikon!

Ein Online-Nachschlagewerk für exegetische Fachbegriffe - verfasst von Studierenden für Studierende.

(Stand Oktober 2018: 76 Artikel)

 

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A

a maiore ad minus

Die Bezeichnung a maiore ad minus (von lat. a „von…her“, Komp. magnus „groß“, ad „zu…hin“, Komp. parvus „klein“) ist ein logisches Verfahren, bei welchem vom Größeren auf das Kleinere geschlossen wird („Was für alle gilt, gilt erst recht für einen“). Diese Schlussverfahren haben häufig paränetischen Charakter (→Paränese) und wollen zu einer bestimmten Verhaltensweise auffordern. Z.B. 1Petr 4,18: „Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird der Gottlose und der Sünder erscheinen?“ (vgl. Spr 11,31). Der Gerechte ist in diesem Fall das Größere und der Gottlose und Sünder das Kleinere. Das Gegenstück ist die Schlussfolgerung a minore ad maius.

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a minore ad maius

Die Bezeichnung a minore ad maius (von lat. a „von…her“, Komp. parvus „klein“, ad „zu…hin“, Komp. magnus „groß“) ist ein logisches Verfahren bei welchem vom Kleineren auf das Größere geschlossen wird. Vom Einzelfall wird eine allgemeine Regel oder Verhaltensweise abgeleitet, zu der ermahnt wird (→Paränese). Z.B. Lk 12,24-26 par.: „Betrachtet die Raben, dass sie nicht säen noch ernten, die keine Vorratskammer noch Scheunen haben, und Gott ernährt sie. Wie viel mehr unterscheidet ihr euch von den Vögeln. Wer aber unter euch kann mit Sorgen über sein Lebensalter eine Elle hinzufügen? Wenn ihr also auch nicht das Geringste könnt, warum sorgt ihr euch über das Übrige?“ Durch das sorgenfreie Leben der Kleineren (die Vögel) werden die Größeren (die Menschen) zu einem ebensolchen Leben angespornt. Ein prominentes Beispiel aus dem AT ist die Schlussfrage des Jonabuchs 4,10f.: „Aber Jahwe sprach: ‚Du bist betrübt wegen der Rizinusstaude, um die du dich nicht gemüht und die du nicht großgezogen hast, die als Sohn (einer) Nacht entstand und als Sohn (einer) Nacht zugrunde ging. Und ich, ich sollte nicht betrübt sein wegen Ninive, der großen Stadt, in der mehr als 120000 Menschen sind, die nicht unterscheiden können zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh?“ Auch hier wird von einem Kleineren (Rizinusstaude) auf ein Größeres (Ninive) geschlussfolgert (→qal wa-ḥomer). Das Gegenstück ist die Schlussfolgerung a maiore ad minus.

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Abstraktum

Als Abstraktum gilt in der Grammatik ein Substantiv, das etwas Gedachtes beschreibt - wie z.B. ‚Sünde‘ oder ‚Glaube‘ oder ‚Gerechtigkeit‘. Abstrakta können deshalb nur durch weitere beschreibende Wörter konkretisiert werden. Umgekehrt bezeichnet ein Konkretum etwas sinnlich Wahrnehmbares, also Gegenstände und Handlungen. Gemeinsam bilden Abstrakta und Konkreta die beiden großen Gruppen innerhalb der Nomina. Bei den Abstrakta kann man weiterhin solche Bildungen unterscheiden, die von Verben abgeleitet sind (Verbalabstrakta), wie z.B. παιδεία/paideia „Erziehung“ (von παιδεύειν/paideuein „erziehen“) oder πεισμονή/peismonē „Gehorsam“ (von πείθω/peithō „gehorchen“), und solche, die auf Adjektiven basieren (Adjektivabstrakta), wie z.B. δικαιοσύνη/dikaiosynē „Gerechtigkeit“ (von δίκαιος/dikaios „gerecht“) oder ἀφρωσύνη/aphrōsynē „Unverstand“ (von ἄφρων/aphrōn „unverständig“). Im AT begegnen Abstrakta eher selten. Z.B.: משובה/mšwbh „Abtrünnigkeit“ (von שוב/šwb „sich [um]wenden“, „um-, zurückkehren“), מגור/mgwr II „Fremdlingschaft“ (von גור/gwr „fremd sein“).

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Adhortativ

Der Adhortativ (von lat. adhortativus „ermahnend“), auch Hortativ, ist eine spezielle Funktion des griechischen Konjunktivs in der 1. Ps. Pl. Der Adhortativ spricht ein Wollen oder eine Aufforderung zu einer gemeinsamen Handlung aus, ähnlich dem Imperativ. Z.B. Joh 14,31: ἄγωμεν ἐντεῦθεν/agōmen enteuthen („Lasst uns von hier fortgehen!“). Der Adhortativ kann auch in der 1. Ps. Sg. auftreten, wenn die Sprecher ihre Zuhörer dazu auffordern, sie etwas tun zu lassen. Im NT findet sich dies nur in Verbindung mit dem Imperativ ἄφες/aphes („Lass!“) und dem Adverb δεῦρο/deuro („Komm!“), vgl. Mt 7,4: ἄφες ἐκβάλω τὸ χάρφος/aphes ekbalō to charphos („Erlaube, ich will den Splitter […]  herausziehen.“). Im AT hingegen erscheint der Adhortativ durch die Endung הָ/hā (He Adhortativum) als verstärkte Form des Imp. sg m. und wird manchmal durch die Partikel נָא-/nā’ bzw. נָּא-/nā’ ergänzt. Z.B. Ps 118,25: נָּא הַצְלִיחָה /haṣliḥâ nā’ („Hilf doch!“).

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Admiration

Die Admiration (von lat. admiratio „Bewundern“, „Staunen“) umfasst alle nicht sprachlich artikulierten Reaktionen, die z.B. ein Staunen, Fürchten oder Verwundern zum Ausdruck bringen. Die Admiration kann entweder verbal, u.a. in Mt 8,27: „Die Menschen aber wunderten sich und sprachen […]“, oder substantivisch, vgl. Lk 4,36: „Und es kam Furcht über sie alle […]“, zum Ausdruck gebracht werden. Die verbale Admiration ist meist zielgerichtet, während die substantivische einen Zustand beschreibt. Das Gegenstück der Admiration ist die Akklamation.

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Affekte

Rhetorische Affekte kommen vor allem im →Genus deliberativum zum Einsatz, wenn die Hörer oder Leser auf die Folgen eines bestimmten Tuns oder Lassens hingewiesen werden. Da diese Folgen entweder positiv (Lohn oder Heil) oder negativ (Strafe oder Unheil) sein können, kennt die Rhetorik zwei Leitaffekte: spes („Hoffnung“) und metus („Furcht“). Mit ihrer Hilfe sollen die Hörer oder Leser in →paränetischen oder →protreptischen Texten dazu motiviert werden, ein bestimmtes Handeln zu praktizieren oder zu unterlassen. Beispiele für die Verwendung dieser Affekte sind u.a. die Gegenüberstellungen von Segen und Fluch in Lev 26,3–13.14–39 und Dtn 28,1–14.15–68, das Doppelgleichnis vom Hausbau auf Stein und auf Sand in Mt 7,24–25.26–27 sowie in den paulinischen Briefen die Texte 1Kor 3,17a; Gal 5,21; 6,7–8; 1Thess 4,6.

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Agens

Als Agens (von lat. ago „handeln“) bezeichnet man den Träger des Geschehens bzw. der Handlung eines Satzes. Z.B. Gen 1,1: „Am Anfang schuf Gott (Agens) den Himmel (Patiens) und die Erde (Patiens).“ Wegen ihrer unterschiedlichen Funktion ist es sinnvoll, zwischen dem Subjekt (syntaktische Funktion) und dem Agens bzw. Patiens (semantische Funktion) zu unterscheiden. In Aktivsätzen steht der Agens in der Regel im Nominativ, der Patiens hingegen im Akkusativ. In Passivsätzen wiederum steht der Patiens im Nominativ und der Agens in einem entsprechend anderen Kasus.

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Agrapha

Unter Agrapha (sg. Agraphon; von griech. ἄγραφος/agraphos „ungeschreiben“) versteht man die außerhalb der kanonischen Evangelien überlieferten Herrenworte. Obwohl der Begriff zunächst vermuten ließe, dass die Agrapha mündlich überlieferte („nicht geschriebene“) Herrenworte sind, handelt es sich um auf Jesus zurückgeführte Worte in den Schriften des frühen Christentums, Judentums und Islams. Z.B. in Apg 20,35: „[…] der Worte des Herrn Jesus gedenken, da er selbst gesagt hat: ‚Geben ist seliger als Nehmen.‘“; Ev. Thom. 82: „Jesus sprach: ‚Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe, und wer mir fern ist, ist fern vom Reich.‘“

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Akklamation

Akklamation (von lat. acclamatio „Zuruf“) meint im eigentlichen Sinne einen Zuruf meist einer Gruppe von Menschen, mit dem sowohl Zustimmung als auch Missbilligung ausgedrückt werden kann. Man unterscheidet zwischen impliziten Akklamationen, bei denen der Inhalt der Akklamation nicht wiedergegeben wird (z.B. Lk 18,43), und ausgeführten Akklamationen. Im AT spielt die Akklamation z.B. bei der Erhebung zum König eine besondere Rolle: „Da jauchzte das ganze Volk, und sie riefen: Es lebe der König!“ (1Sam 10,24). Im NT begegnen sog. titulare Akklamationen im Sinne der Bestätigung Jesu als „Herrn“. So z.B. in 1Kor 12,3: „Der Herr ist Jesus!“ (vgl. z.B. Röm 1,4; 6,23). Aber auch das Hosianna beim Einzug Jesu in Jerusalem (Mk 11,9f par.) und das „Kreuzigt ihn!“ der Menge (Mk 15,13f par.) sind ntl. Akklamationen. Während die Akklamation im Ursprung eine sprachlich artikulierte Reaktion ist, umfasst die Admiration alle nicht sprachlich artikulierten Reaktionen.

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Akrostichon

Das Akrostichon (von griech. ἄκρος/akros „Spitze“ und στίχος/stichos „Vers“, „Zeile“) ist eine (Vers-)Form, bei der die Anfangsbuchstaben, -silben oder -wörter, hintereinander gelesen ein Wort, Satz, Namen oder das Alphabet ergeben. Zu den klassischen Beispielen gehören Ps 119; 145 oder auch Ps 96,11, in welchem die ersten vier Wörter die Anfangsbuchstaben das Tetragramms (יהוה/JHWH) bilden: ישׂמחו השׁמים ותגל הארץ/ysmhw hshmym wtgl hʾrts („Es freuen sich die Himmel und es frohlocke die Erde“).

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Alliteration

Eine Alliteration (von lat. ad „hinzu“ und littera „Buchstabe“) ist eine rhetorische Figur, die der Hervorhebung bestimmter Wörter dient. Sie besteht aus übereinstimmenden Anfangslauten von zwei oder mehreren betonten Silben; z.B. Lk 8,5: ἐξῆλθεν ὁ σπείρων τοῦ σπεῖραι τὸν σπόρον αὐτοῦ/exēlthen ho speirōn tou speirai ton sporon autou („Der Sämann ging aus, seinen Samen zu säen“). Das AT beginnt gleich mit einer Alliteration: בּראשׁית בּרא /br’šyt br’ („Im Anfang schuf …“ Gen 1,1).

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Anakoluth

Das Anakoluth (von griech. ἀν/an „nicht“ und ἀκόλουθος/akolouthos „folgen“) bezeichnet einen nicht folgerichtig konstruierten Satz, dessen grammatische Konstruktion abbricht und nicht wie erwartet fortgesetzt wird. Das Anakoluth kann gezielt als Stilmittel eingesetzt werden oder es begegnet dort, wo sich ein Sprecher in einem Zustand heftiger Gefühlsregung befindet oder umgangssprachlich formuliert. Z.B. Gal 2,6: „Von den Angesehenen, die etwas zu sein (schienen), was auch immer sie vorher waren, es macht keinen Unterschied für mich, Gott nimmt der Menschen Person nicht an, mir haben sie nichts hinzugefügt.“ Das Anakoluth ist eine Unterform der Ellipse.

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Analepse

Eine Analepse (von griech. ἀνάληψις/analēpsis „Wiederaufnahme“, „Wiederherstellung“) ist eine rhetorische Figur, mit der Ereignisse, die vor der eigentlichen Erzählung stattgefunden haben, in diese einbezogen werden, indem auf sie zurückgeblickt wird. Die Analepse ist ein geläufiges Stilmittel der Erzählkunst des AT. Z.B. Gen 18,11: „Aber Abraham und Sara waren alt, in die Tage gekommen.“; weiterhin Mk 6,16ff.: „Als aber Herodes das hörte, sagte er: ‚Johannes, den ich enthauptet habe, dieser ist auferweckt worden.‘ Denn er, der Herodes, hatte gesandt den Johannes zu ergreifen und ihn im Gefängnis zu binden, wegen Herodia […].“ Die Analepse ist das Gegenstück zur Prolepse.

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Anapher

Bei der Αnapher (von griech. ἀναφέρω/anapherō „zurückführen“) handelt es sich um eine rhetorische Figur, die die wörtliche oder lautliche Wiederholung eines oder mehrerer Wörter zu Beginn von aufeinander folgenden Sätzen oder Satzteilen bezeichnet. Diese Wiederholung kann durch einen synonymen Ausdruck erfolgen. Im AT begegnet eine Anapher innerhalb der →Priamel (nach anderer Auffassung: der irrealen →Synchorese); z.B. Am 9,2–4 mit 5maligem וִ)אִם)/()’īm („(und) wenn“) in Folge als Einsatz eines neuen Satzes. Vgl. auch Jer 5,17. Eine Anapher liegt auch in Hebr 11,3–31 vor, wo 18 mal ein Satz mit πίστει/pistei („durch Glaube“) beginnt. Das Gegenstück der Anapher ist die Epipher. Der Begriff Anapher wird weiterhin in der Syntaxlehre gebraucht: anaphorisch/kataphorisch.

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anaphorisch

In der Syntaxlehre bezeichnet der Begriff ‚anaphorisch‘ (von griech.: ἀναφέρω/anapherō „zurückführen“) die Verweisrichtung (Phorik) von Wörtern, die auf das innerhalb des Satzgefüges oder Kontextes Voranstehende zeigen. D.h. es wird auf etwas verwiesen, das dem Leser bereits bekannt ist. Z.B. Mt 3,13: „Zu jener Zeit kam Jesus von Galliläa zum Jordan zu Johannes, um sich von ihm (ὑπ᾽ αὐτοῦ/hyp’ autou) taufen zu lassen.“ Das Pronomen ‚ihm‘ (αὐτός/autos) weist hier auf ‚Johannes‘ zurück. Das Gegenteil zu anaphorisch ist kataphorisch. Die Verweisrichtung lässt sich allerdings nicht immer eindeutig bestimmen. Umstritten ist z.B., ob es sich bei dem Adverb οὕτως/houtos („so“) in Röm 11,26 um einen anaphorischen („ebenso“, „also“) oder kataphorischen („folgendermaßen“) Verweis handelt. Sprachlich möglich sind hier beide Varianten. Unter Umständen ist eine Doppeldeutigkeit sogar intendiert.

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Anastrophe

Die Inversion (von lat. inversio „Umstellung“), auch Anastrophe (von griech. ἀναστροφή/anastrοphē „Umkehr“), ist ein rhetorisches Stilmittel, in dem die geläufige syntaktische Wortstellung umgestellt wird. Dies kann in poetischen Texten aufgrund des Rhythmus oder des Reimschemas geschehen. In Prosatexten dient die Inversion häufig der sprachlichen Hervorhebung und Betonung der umgestellten, insbesondere der vorangestellten Teile. Z.B. Lk 1,12: καὶ φόβος ἐπέπεσεν ἐπ’ αὐτόν/kai phobos epepesen ep’ auton („und Furcht kam über ihn“). Um eine Inversion handelt es sich wegen der im Griechischen bevorzugten Stellung des Prädikats vor dem Subjekt. Allerdings ist der Satzbau der hebräischen wie auch der griechischen Sprache im Vergleich zum Deutschen sehr viel variabler. Damit ist es häufig schwierig, dieses Phänomen zielsprachlich abzubilden.

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Anthologie

Das Florilegium (von lat. flos „Blume” und lego „sammeln”) oder Anthologie (von griech. ἄνθος/anthos „Blüte“ und λογία/logia „Sammlung“) bezeichnet eine Zusammenstellung von Texten eines oder mehrerer Verfasser unter einem gemeinsamen Thema. Z.B. finden sich unter den Qumran-Texten Zusammenstellungen von Zitaten atl. Schriften, wie z.B. 4QFlor (=4Q174). Im NT liegt ein Florilegium z.B. in Hebr 1,5-13 vor.

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Antiklimax

Antistrophe

Bei dem Begriff Antistrophe (von griech. ἀντιστροφή/antistrοphē „Gegenwendung“) auch Epipher (von griech. ἐπιφορά/epiphora „Hinzufügung“), handelt es sich um eine rhetorische Figur, die die wörtliche oder auch lautliche Wiederholung eines oder mehrerer Wörter am Endevonaufeinander folgenden Sätzen oder Satzteilen bezeichnet. Diese Wiederholung kann auch durch einen synonymen Ausdruck erfolgen. Im AT lassen sich die gleichförmigen Abschlüsse der Sätze in Reihenbildungen wie den Todesrechtssätzen Ex 21,12.15–17 (מות יומת/mwt ywmt „… muss getötet werden“) als Epipher beschreiben. Im NT findet sich eine Epipher z.B. in 1Kor 9,19–22 (5 mal ἵνα ... κερδήσω/hina … kerdēsō „damit ... ich gewinne“). Das Gegenstück der Epipher ist die Anapher.

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Antithese

Unter dem Begriff der Antithese (von griech. ἀντίθεσις/antihesis „Entgegensetzung“) versteht man in der Logik eine Behauptung, die auf einer zuvor gemachten Behauptung basiert und dieser entgegengesetzt wird. Z.B. Lk 12,51: „Meint ihr, dass ich gekommen sei Frieden zu geben auf der Erde? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung.“ Des Weiteren ist der Begriff in der ntl. Kommentarliteratur im Sinne einer Gattungsbezeichnung auf einen ganz bestimmten Text des Mt (5,21-48) bezogen: die sechs sog. Antithesen, z.B. Mt 5,43f.: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen’; ich aber sage euch: Liebt eure Feinde […].“

Sprachwissenschaftlich findet der Begriff v.a. in der Anwendung auf sich semantisch gegenüberstehenden Begriffe und Motive Gebrauch. So z.B. in den weisheitlichen Büchern des AT, wo häufig das antithetische Paar des צדק/dq („Gerechter“) und des רשׁע/rš („Schuldiger“) begegnet. Antithesen sind im Chiasmus oder im antithetischen →Parallelismus membrorum zu finden.

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Aphärese

Die Aphäres (von griech. ἀφαίρεσις/aphairesis „das Wegnehmen“) bezeichnet den Wegfall eines Lautes, d.h. einer Silbe, eines Vokals oder Konsonanten, am Wortanfang. In der →Textkritik sind Aphäresen von Bedeutung, wenn sie als Erklärungsmodelle für textkritische Schwierigkeiten dienen. Durch die Tilgung eines Lautes oder einer Silbe am Wortanfang können andere grammatikalische Formen oder sogar Wortbedeutungen entstehen. So wird von manchen Exegeten in Hos 11,3 קחם/qḥm (MT) als eine 3. Sg. Perf. m. Form von לקח/lq mit Suffix der 3. Pl. m. gelesen (לקחם/lqḥm). Die singulär vorkommende Form wird durch die Tilgung des voranstehenden und formbildenden ל/l erklärt.

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Apodosis

Die Apodosis (von griech. ἀπoδίδωμι/apodidōmi „zurückgeben”) ist der Nachsatz gegenüber der →Protasis (von griech. προτάσσω/protassō „voranstellen”), dem Vordersatz. Der Protasis kommt in der Rhetorik die Aufgabe des Spannungsaufbaus zu, während die Apodosis Spannung abbaut. In der Grammatik bezeichnet man mit den beiden Begriffen den Vor- bzw. Nachsatz in einem Konditionalsatzgefüge – Voraussetzung und Konsequenz. So z.B. in Gen 18,26: „Da sprach der HERR: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde (Protasis), so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben (Apodosis).“ Speziell im →kasuistischen Recht bietet die Protasis die Fallbeschreibung, die Apodosis die Tatfolgebestimmung. Dabei kann innerhalb der Protasis zwischen Fall und Unterfall unterschieden werden, wobei der Fall durch כִּי/ki („wenn“) und der Unterfall durch אִם/ʾim („falls“) eingeleitet wird. Vgl. Ex 21,18f. S.a. 1Kor 15,17: „Wenn aber Christus nicht auferweckt ist (Protasis), so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden (Apodosis).“

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Apokryphen

Als Apokryphen (von griech. ἀπόκρυφος/apokryphos „verborgen“) bezeichnet man antike jüdische und christliche Schriften, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden. Dies kann z.B. aus inhaltlichen, sprachlichen, zeitlichen und theologischen Gründen geschehen sein. So sind z.B. das Buch Sirach wie auch 1/2Makk, die in der Lutherbibel als atl. Apokryphen geführt werden, nicht Teil des →Tanach, gehören aber zum Kanon der →LXX. Ntl. Apokryphen sind z.B. das Thomasevangelium oder die Apostelakten (Johannes, Paulus, Petrus, Anders und Thomas). Die Zuordnung einzelner Schriften als apokryph oder →deuterokanonisch hängt vom jeweiligen →Kanon ab.

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Aposiopese

Die Aposiopese (von griech. ἀποσιώπησις/aposiōpēsis „Verschweigen“) bezeichnet das bewusste Nicht-Aussprechen eines im Satz erforderlichen Wortes oder entsprechender Wörter, wodurch der Satz abgebrochen wird. Sie ist damit eine Unterform der Ellipse. Als Stilmittel dient sie der Dramatisierung der Erzählung. Z.B. Ps 6,4: „Mein Inneres ist erschrocken. Und du Jahwe – wie lange?“ (s.a. Gen 15,17). 

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apotreptisch

Apotreptisch bildet mit →potreptisch (von griech. ἀποτρέπω/apotrepō „abwenden“; προτρέπω/protrepō „hinwenden“) ein Begriffspaar, das aus der antiken Rhetorik stammt. Es findet im →Genus deliberativum Verwendung und bezeichnet die beiden unterschiedlichen Zielrichtungen der ethischen Mahnrede (→Paränese): Sie will als protreptische Rede zuraten, d.h. die Adressaten zu einem bestimmen Verhalten ‚hinwenden‘, oder als apotreptische Rede abraten, d.h. die Adressaten von einem bestimmten Verhalten ‚abwenden‘; vgl. Aristoteles, Rhet. 1,3,3; Diogenes Laertius 3,93. Eine protreptische Mahnung ist z.B. Röm 12,13: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Seid gastfreundlich“, eine apotreptische Mahnung findet sich in Röm 12,17a: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem“.

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Äquivokation

Als äquivok (von lat. aequus „gleich“, „ähnlich“ und vocare „nennen“) werden Worte gleicher bzw. ähnlicher Laut- oder Schreibweise mit unterschiedlicher Bedeutung bezeichnet. Das Phänomen macht sich z.B. die Wortassonanz als Form der Wortspielvision zunutze. So besteht die Beziehung zwischen der Schauung in Am 8,1 und ihrer Deutung in V. 2 allein im Anklang von קַיִץ/qayi „Sommerobst“ und קֵץ/ „Ende“. Vgl. auch Jer 1,11f. Äquivokationen können auch in Erzählungen Beziehungen stiften. So inspiriert die Begegnung mit der מַחֲנֶה/maḥǎneh, dem Lager Gottes, Jakob dazu, Esau eine מִנְחָה/minəḥāh, ein Geschenk, entgegenzuschicken (Gen 32,14), in der Hoffnung, den Bruder damit versöhnen zu können (V. 21). →Homonymie →Polysemie

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Argumentatio

Der Begriff (von lat. argumentatio „Beweisführung“) stammt aus der antiken Rhetorik und bezeichnet den zentralen Hauptteil der Rede, in dem der Redner seine Position darstellt und begründet. Nach Quintilian, Inst. 3,9,1 besteht die argumentatio aus zwei Teilen: der →probatio, die den eigenen Standpunkt des Redners entfaltet, und der →refutatio, in der die Position der Gegenpartei zurückgewiesen wird und ihre Argumente widerlegt werden. Diese beiden Teile lassen sich z.B. in der argumentatio des Kolosserbriefes (Kol 2,9–23) deutlich voneinander unterscheiden; V. 9–15: →probatio; V. 16–23: →refutatio). Vgl. Lk 15,4–32: V. 4–10 als →probatio, V. 11–32 →refutatio. Die innerhalb der argumentatio verwendeten inhaltlichen Argumente werden zwei loci zugewiesen: argumenta a persona stellen einerseits den Redner (und gegebenenfalls, im →Genus iudiciale, die von ihm vertretene Person) in ein positives Licht und setzen andererseits die Gegenpartei herab (1Kor 9,1–23; 2Kor 6,3–10; Phil 3,2–11), während argumenta a re die für den zur Debatte stehenden Sachverhalt (der causa) relevanten Gesichtspunkte thematisieren. Die Anwendbarkeit antiker rhetorischer Kategorien, wie z.B. von  Quintillian vorgelegt, für die Exegese des NT ist jedoch nicht unumstritten.

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Asyndeton

Das Asyndeton (von griech. ἀσύνδετος/asyndetos „unverbunden“) ist eine rhetorische Figur, die die unverbundene Aneinanderreihung von Wörtern oder Satzteilen bezeichnet. ‚Unverbunden‘ bezieht sich dabei auf das Fehlen (Ellipse) von Verbindungswörtern wie Konjunktionen („und“, „oder“, etc.). Im bekannten Ausspruch Caesars veni, vidi, vici („Ich kam, sah, siegte“) unterstreicht das Asyndeton die Funktion der Klimax. Auch sonst kommt ihr die Funktion der Hervorhebung und Dramatisierung zu. Im NT findet sich eine solche unverbundene Aneinanderreihung z.B. in 1Kor 16,13: „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid tapfer, seid stark!“ Im Gegensatz zum Asyndeton bezeichnet das Polysyndeton das vielfache Auftreten von Verbindungswörtern.

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Ätiologie

In der Erzählforschung werden unter dem Begriff Ätiologie (von griech. αἰτία/aitia „Ursache“ und λόγος/logos „Lehre“) Texte verstanden, die gegenwärtig Vorfindliches durch Ereignisse in der Vergangenheit narrativ erklären wollen. In der atl. Wissenschaft bezeichnet die Ätiologie v.a. die Klärung von Fragen nach Vorfindlichem der menschlichen Lebenswirklichkeit, etwa nach Namen (z.B. die Umbenennung Jakobs in Israel Gen 32,29), Naturphänomenen (den Regenbogen Gen 9,12ff.), Bräuchen (z.B. die Beschneidung Gen 17,10ff.) oder Zuständen (z.B. die Zerstörung Jerichos Jos 6). Sinnvoll ist die Unterscheidung von ätiologischen Motiven im Rahmen einer Erzählung und ätiologischen Erzählungen als speziellem Typ der Sage. Ein nach Inhalt und Funktion eigener Typ der ätiologischen Erzählung ist die Heiligtumslegende (hieros logos, auch Kultgründungsätiologie oder -sage genannt, z.B. in Gen 28,10–22; vgl. 35,14f.). Sie möchte die Heiligkeit eines Ortes legitimieren und für die Wallfahrt zu dieser Stätte werben. Sie zeichnet sich durch bestimmte Erzählzüge aus: a) zufällige Konfrontation mit der Heiligkeit einer Stätte durch eine Theophanie, b) Errichtung / Stiftung eines Altars, c) Benennung der Stätte. Ätiologien besitzen in der Regel keinen, in einzelnen Fällen einen in ihrem Kern nur schwer fassbaren historischen Wert.

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Attizismus

Das Wort Attizismus bezeichnet im engeren Sinne die Nachahmung des in Athen und Attika gesprochenen und geschriebenen Dialektes des Griechischen. Auf stilistischer Ebene bezeichnet der Attizismus jedoch eine Stilrichtung der Kunstprosa, die sich im 1. Jh. v. Chr. im Griechischen und Lateinischen herausbildete und gemeinhin als ‚schlicht‘ und ‚rein‘ galt. Das Gegenstück dazu bildete der Asianismus, der als ‚geschwollener‘ oder auch ‚extravaganter‘ Stil bekannt war. Insofern der Attizismus zur Zeit neutestamentlicher Textproduktion und Tradierung ein verbreitetes Phänomen darstellt, ist innerhalb der Methode der Textkritik eine Variante gegebenenfalls hinsichtlich einer möglichen Änderung durch attizistischen Einfluss zu prüfen. Häufiger jedoch ist das NT von →Semitismen geprägt.

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Autograph

Der Autograph (von griech. αὐτός/autos „selbst“, „eigen“ und γραφή/graphē „Schrift“) ist ein Schriftstück, das von einem Autor eigenhändig geschrieben oder diktiert, korrigiert oder erweitert wurde, d.h. ausschließlich aus der ursprünglichen Hand stammt. In der Bibel ist keine Schrift als Autograph überliefert, da alle erhaltenen Handschriften immer nur spätere Abschriften der verlorenen Originale sind.

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Autosemantikum

Das Begriffspaar Autosemantikum (von griech. αὐτός/autos „selbst“ und σημεῖον/sēmeion „Zeichen“; auch Bedeutungs-, Inhalts-, Vollwort genannt) /Synsemantikum (von griech. σύν/syn „mit“ und σημεῖον/sēmeion „Zeichen“; auch Struktur-, Leer-, Funktionswort genannt) wird zur grundlegenden Klassifizierung von Wörtern im Hinblick auf die Frage, ob bzw. wie Bedeutung mit ihnen verbunden ist, verwendet. Als autosemantisch werden Wörter bezeichnet, die alleine stehend, d.h. ohne Verbindung mit einem anderen Wort eine Bedeutung haben, wie es bei Substantiven, Adjektiven und Verben der Fall ist (z.B. ‚Tempel‘, ‚gut‘, ‚verkünden‘). Demgegenüber haben synsemantische Wörter für sich genommen keine eigene Bedeutung. Eine Bedeutung entsteht erst dann, wenn sie mit mindestens einem autosemantischen Wort zusammengebracht werden, wie es bei Präpositionen, Konjunktionen und Partikeln der Fall ist (‚im Tempel‘, ‚sehr gut‘, ‚verkünden und sagen‘). Diese Unterscheidung ist nicht unumstritten und lässt sich nicht immer exakt durchhalten.

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Brachylogie

Als Brachylogie (von griech. βραχύς/brachys „kurz“ und λόγος/logos „Wort“, „Rede“) wird eine durch Auslassung von Wörtern entstandene knappe Ausdrucksweise bezeichnet. Z.B. Gal 2,9: „Sie gaben mir und Barnabas die Hand, damit wir zu den Völkern, sie zur Beschneidung [gingen].“ Während sich das weggelassene Wort bei einer Brachylogie der Sache nach ergibt, erschließt sich dieses bei einer Ellipse aus seiner grammatikalischen Notwendigkeit heraus. Darüber hinaus kann die Brachylogie auch der Dramatisierung der Darstellung dienen: „Und siehe, das Wort Jahwes [erging] an ihn.“ (Gen 15,4).

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C

Captatio Benevolentiae

Der Begriff (von lat. captatio „Greifen“, „Haschen“ und benevolentia „Wohlwollen“) stammt aus der antiken Rhetorik (vgl. Cicero, Inv. 1,16,22) und bezeichnet den Versuch des Redners, die Hörer für sich und das eigene Anliegen einzunehmen. Die Captatio Benevolentiae besteht vor allem darin, dass der Redner über die Adressaten und ihr Umfeld Gutes sagt. Die Captatio Benevolentiae steht darum zumeist am Anfang einer Rede. Ntl. Beispiele für das Hörerlob gibt es z.B. in Apg 24,2–3: „Dass wir großen Frieden durch dich genießen und durch deine Fürsorge diesem Volk Reformen zuteil geworden sind, erkennen wir, hochverehrter Felix, allezeit und allerorten mit aller Dankbarkeit an“. Auch den Danksagungen in Röm 1,8; 1Kor 1,4–5; Phil 1,3–7; Kol 1,3–5; 1Thess 1,2–3; 2Thess 1,3; 2Tim 1,3–5; Phlm 4–7 (→Proömium) kommt die Funktion einer Captatio Benevolentiae zu.

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Chiasmus

Ein Chiasmus (vom griech. Buchstaben Χ (chi), sinngemäß „Kreuzstellung“) ist ein rhetorisches Stilmittel, das aus einer Kreuzstellung paralleler Satzglieder nach dem Schema a-b-b-a besteht. So werden z.B. die in gewöhnlichen Sätzen in dieser Reihenfolge auftretenden Satzteile Subjekt – Prädikat – Objekt in einem sich direkt anschließenden parallelen Satzgebilde in die umgekehrte Reihenfolge gestellt. Der Chiasmus kann sich auch auf ganze Textkompositionen beziehen, sodass der Mitte eines chiastisch angelegten Textes auch die größte Bedeutung zukommt. Im folgenden Beispiel tauchen die sich entsprechenden Positionen ‚Mann‘ und ‚Frau‘ nach diesem Schema auf: „Die Frau verfügt nicht über ihren eigenen Leib, sondern der Mann; ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen eigenen Leib, sondern die Frau.“ (1Kor 7,4).

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Codex rescriptus

Ein Codex rescriptus (lat. „wiederbeschriebener Codex“; auch Palimpsest von griech. παλίμψηστος/palimpsēstos „wieder abgeschabt“) ist ein Pergament, oder seltener ein Papyrus, dessen ursprünglicher Text abgeschabt wurde, um es neu zu beschreiben. Dies war eine übliche Form der Wiederverwertung in der Antike und bei den Mönchen des 7. bis 9. Jahrhunderts. Dies geschah neben Werken antiker Autoren auch mit christlichen Texten, von denen es entweder einst viele Exemplare gab oder die als weniger wichtig galten. Der ursprüngliche Text kann mit Infrarot-Fotographie, Durchleuchtung, oder der Fluoreszenzmethode wieder lesbar gemacht werden. So wurden z.B. Euripides, Phaeton und Cicero, De re publica als Palimpseste wiedergefunden. Von den ca. 280 →Majuskeln im NT sind 55 Palimpseste. Der bedeutendste biblische Codex rescriptus ist der Codex Ephraemi rescriptus (Siegel C). Die ursprüngliche Handschrift aus dem 5. Jh. wurde im 12. Jh. mit einem Text des Kirchenvater Ephraem überschrieben.

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Correctio

Der Begriff Correctio (von lat. corrigere „berichtigen“, „gerade richten“) stammt aus der Rhetorik und bezeichnet ein Stilmittel, bei dem sich ein Sprecher unmittelbar korrigiert. Dies geschieht oft nach oder noch während einer Aussage und dient der Verstärkung der Aussage des Sprechers. Z.B. 1Kor 7,10: „Den Verheirateten aber gebiete ich, nicht ich, sondern der Herr…“. Eine Sonderform der Correctio ist die Metaphrase. Bei dieser wird ein Ausdruck durch ein →Synonym des vorhergehenden Ausdrucks ersetzt. Z.B.: ‚Es war der Kleine, das Kind von vorhin!‘ 

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 D

Deixis

Mit dem Begriff Deixis (von griech. δείκνυμι/deiknumi „zeigen“) werden sprachliche Ausdrücke innerhalb eines Textes bezeichnet, die auf eine Person, einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit verweisen. So deuten z.B. die Personalpronomen ‚ich‘ und ‚euch‘ in 1Kor 2,1 („Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, ...“) auf die außerhalb der Textebene des Briefes stattfindende Kommunikationssituation zwischen Paulus (‚ich‘) und der Gemeinde von Korinth (‚euch‘) hin. Deiktische Ausdrücke des Ortes sind z.B. ‚hier‘ und ‚dort‘; Ausdrücke der Zeit sind z.B. ‚jetzt‘ und ‚morgen‘. Eigenart dieser Ausdrücke ist, dass sie nur in ihrer jeweiligen Kommunikationssituation ihren tatsächlichen Sinngehalt entfalten. Die Deixis gilt daher als Bindeglied zwischen →Semantik und →Pragmatik.

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Diachronie

Die diachronische (von griech. διά/dia „durch“ und χρόνος/chronos „Zeit“) Untersuchung von Texten ist eine Fragestellung, die Texte hinsichtlich ihrer Entwicklung und Veränderung durch die Zeit, d.h. hinsichtlich ihrer Entstehung, untersucht. Dabei wird z.B. gefragt, welche Textteile ursprünglich und welche später hinzugefügt worden sind. Das Gegenteil ist die synchronische (von griech. σύν/syn „zugleich“ und χρόνος/chronos „Zeit“) Untersuchung von Texten, die alle Elemente eines Textes auf derselben zeitlichen Ebene behandelt und damit den Text in seiner vorliegenden Gestalt interpretiert.

Mit Aufkommen des historischen Interesses an Texten seit der Aufklärung hat zunehmend auch die diachronische Fragestellung für die Exegese an Relevanz gewonnen. Nachdem innerhalb der →historisch-kritischen Methode die diachronische Betrachtung von Texten mitunter sehr stark in den Vordergrund gerückt wurde, hat man seit Ende des 20. Jhs. unter dem Schlagwort ‚Primat der Synchronie‘ wieder die Wichtigkeit einer Interpretation der Endgestalt des Textes betont.

In der exegetischen Literatur werden die verschiedenen Methodenschritte häufig hinsichtlich Synchronie und Diachronie sortiert. Dabei werden vor allem die Analyse der Textstruktur, aber auch die →Redaktionskritik (sofern v.a. als Kompositionskritik verstanden), als synchronische Lesarten des Textes verstanden, →Literarkritik und →Überlieferungskritik z.B. als diachronische Lesarten. Es lässt sich jedoch fragen, ob eine derartige Einteilung konsequent durchzuhalten und für das Verständnis der einzelnen Methodenschritte hilfreich ist. Eine Analyse der Textstruktur ist noch am eindeutigsten ausschließlich als synchronische Fragestellung zu erkennen, d.h. sie ist nur an der Endgestalt des Textes interessiert. Die →Redaktionskritik dagegen, zwar auch an der Endgestalt des Textes interessiert, integriert außerdem diachronische Aspekte. Ebenso vermischen sich in motiv- und begriffsgeschichtlichen Untersuchungen der →Traditionskritik synchronische (Gebrauch eines Begriffs innerhalb einer Schrift oder eines Corpus) und diachronische (Geschichte eines Begriffs) Aspekte.

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Diatribe

Die Diatribe (von griech. διατριβή/diatribē „Konversation“) ist eine Ausdrucksform der antiken Popularphilosophie, die durch ihren dialogischen aber fiktiven Charakter bestimmt ist. Durch die Einbindung eines imaginären Partners in einem häufig auftretenden Frage- und Antwortstil hat sie einen belehrenden und appellierenden Charakter. Sie greift auf einfache Sprache zurück, die aber mit vielen rhetorischen Figuren wie der Anapher, der Antithese oder dem Chiasmus versehen ist. Zitate, Beispiele, Sprichwörter und Anekdoten lassen die Sprache der Diatribe sehr lebhaft erscheinen. Im NT sind vor allem die paulinischen Briefe von Elementen des Diatribenstils geprägt (vgl. Röm 7,1 oder Gal 3,1-9). Fraglich ist allerdings, ob Paulus sich bewusst dieser philosophischen Redeform bedient oder schlicht ähnliche rhetorische Mittel verwendet.

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Dittographie

Der Begriff Dittographie (von griech. δισσός/dissos oder διττός/dittos „zweifach“, „doppelt“ und γράφω/graphō „schreiben“) stammt aus dem Bereich der →Textkritik und bezeichnet dort einen Abschreibefehler, bei dem ein Buchstabe, eine Buchstabenfolge oder ein Wort aus Versehen doppelt geschrieben wird. Eine Dittographie liegt möglicherweise an einer textkritisch umstrittenen Stelle in 1Thess 2,7 vor: Wenn die Lesart der Variante ΕΓΕΝΗΘΗΜΕΝΗΠΙΟΙ (ἐγενήθημεν ἤπιοι/egenēthēmen ēpioi „wir waren freundlich“) gegenüber der Lesart von NA28 ΕΓΕΝΗΘΗΜΕΝNΗΠΙΟΙ (ἐγενήθημεν νἤπιοι/egenēthēmen nēpioi „wir waren unmündig“) ursprünglich ist, kann die Lesart von NA28 als Dittographie erklärt werden (Verdoppelung von ν). Das Gegenteil einer Dittographie ist die →Haplographie.

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E

Eisegese

Die Eisegese (von griech. εἰς/eis „hinein“ und ἠγέομαι/ēgeomai „führen“) gilt begrifflich wie auch inhaltlich als Gegenstück zur →Exegese (von griech. ἐξ/ex „heraus“ und ἠγέομαι/ēgeomai „führen“). Während die →Exegese den Anspruch erhebt, einen Text auszulegen (ἐξ/ex), wird für die Eisegese postuliert, dass sie etwas in den Text hineinliest (εἰς/eis). Daher kann man bei der Eisegese schon dem Wort nach nicht von einer Form der Textauslegung sprechen. Mit diesem Begriff wird meist eine andere Interpretation polemisch als Fehlinterpretationen dargestellt.

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Ellipse

Die Ellipse (von griech. ἔλλειψις/elleipsis „Fehlen“, „Aussparung“) ist eine rhetorische Stilfigur, in der Satzteile ausgelassen werden. Das Ergebnis sind grammatikalisch unvollständige Sätze, deren Sinn sich aber in der Regel aus dem Kontext rekonstruieren lässt. Ellipsen kommen sowohl in der geschriebenen als auch in der gesprochenen Sprache häufig vor. Die Ellipse dient der Prägnanz, der Reduktion auf Zentrales, der Beschleunigung des Aufnahmetempos und der Erzeugung von Einprägsamkeit, aber auch dazu, Alltagssprache nachzuahmen. Z.B.: Hos 5,8a: „Stoßt ins Horn zu Gibea, in die Trompete zu Rama!“ und Mt 5,38: „Ihr habt gehört: ‚[…] Auge um Auge, Zahn um Zahn‘.“ Vgl. Ex 21,23f.LXX: „du sollst geben Leben um Leben, Auge um Auge“.

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Epipher

Bei dem Begriff Epipher (von griech. ἐπιφορά/epiphora „Hinzufügung“) auch Antistrophe (von griech. ἀντιστροφή/antistrοphē „Gegenwendung“), handelt es sich um eine rhetorische Figur, die die wörtliche oder auch lautliche Wiederholung eines oder mehrerer Wörter am Ende von aufeinander folgenden Sätzen oder Satzteilen bezeichnet. Diese Wiederholung kann auch durch einen synonymen Ausdruck erfolgen. Im AT lassen sich die gleichförmigen Abschlüsse der Sätze in Reihenbildungen wie den Todesrechtssätzen Ex 21,12.15–17 (מות יומת/mwt ywmt „… muss getötet werden“) als Epipher beschreiben. Im NT findet sich eine Epipher z.B. in 1Kor 9,19–22 (5 mal ἵνα ...κερδήσω/hina … kerdēsō). Das Gegenstück der Epipher ist die Anapher.

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Erzählerisches Sammelbecken

Der Begriff stammt von E. Lämmert und bezeichnet innerhalb einer übergeordneten Großerzählung eine Folge von mehreren Episoden, die miteinander verbunden und von anderen Episoden oder Sammelbecken abgegrenzt sind. Solche Sammelbecken können entweder durch topographische, zeitliche oder figurale Gliederungssignale markiert werden. Im Lukasevangelium z.B. werden immer wieder dadurch erzählerische Sammelbecken gebildet, dass Ereignisse, die an zwei Orten spielen, aufeinander bezogen und dadurch als Einheit gekennzeichnet werden: 2,4–21/22–39 (Bethlehem und Jerusalem); 4,14–30/31–43 (Nazareth und Kapharnaum); 7,1–10/11–50 (Kapharnaum und Naïn). Auch der sog. lukanische Reisebericht (Lk 9,51 – 18,34), dessen Episoden an keinem bestimmten Ort spielen, kann als erzählerisches Sammelbecken gelten.

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Erzählte Zeit

Die Unterscheidung zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit stammt von G. Müller. Als ‚erzählte Zeit‘ gilt dabei derjenige Zeitraum, den die Erzählung abbildet. In diesem Sinne umfasst die in der Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift erzählte Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Schöpfungswerk (Gen 1,3–31) sechs Tage. Nach Mk 14,1 – 15,47 ist die erzählte Zeit der Passion Jesu drei Tage lang: Mittwoch (14,1–11), Donnerstag (14,12–72) und Freitag (15,1–47). Demgegenüber gilt als ‚Erzählzeit‘ derjenige Zeitraum, der für die sprachliche Wiedergabe der Ereignisse benötigt wird. Bei den beiden vorgenannten Beispielen kann man sie jeweils in Minuten messen. Das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit nennt man ‚Erzählgeschwindigkeit‘. Sie lässt sich durch erzählerische →Raffungen variieren, deren Intensität sich daran orientiert, welche Bedeutung der Erzähler dem jeweils erzählten Geschehen beimisst.

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Erzählzeit

Die Unterscheidung zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit stammt von G. Müller. Als ‚erzählte Zeit‘ gilt dabei derjenige Zeitraum, den die Erzählung abbildet. In diesem Sinne umfasst die in der Schöpfungsgeschichte der Priesterschrift erzählte Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Schöpfungswerk (Gen 1,3–31) sechs Tage. Nach Mk 14,1 – 15,47 ist die erzählte Zeit der Passion Jesu drei Tage lang: Mittwoch (14,1–11), Donnerstag (14,12–72) und Freitag (15,1–47). Demgegenüber gilt als ‚Erzählzeit‘ derjenige Zeitraum, der für die sprachliche Wiedergabe der Ereignisse benötigt wird. Bei den beiden vorgenannten Beispielen kann man sie jeweils in Minuten messen. Das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit nennt man ‚Erzählgeschwindigkeit‘. Sie lässt sich durch erzählerische →Raffungen variieren, deren Intensität sich daran orientiert, welche Bedeutung der Erzähler dem jeweils erzählten Geschehen beimisst.

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F

Florilegium

Das Florilegium (von lat. flos „Blume” und lego „sammeln”) oder Anthologie (von griech. ἄνθος/anthos „Blüte“ und λογία/logia „Sammlung“), bezeichnet eine Zusammenstellung von Texten eines oder mehrerer Verfasser unter einem gemeinsamen Thema. Z.B. finden sich unter den Qumran-Texten Zusammenstellungen von Zitaten atl. Schriften, wie z.B. 4QFlor (=4Q174). Im NT liegt ein Florilegium z.B. in Hebr 1,5-13 vor.

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G

Geminatio

Die Geminatio (von lat. geminatio „Verdopplung“) ist eine rhetorische Figur der Hinzufügung. Durch Wiederholung eines Wortes wird die Aussage intensiviert; z.B. „Hört, hört!“; Jer 6,14: (Sie sagen:) „‚Heil, Heil!’ Aber es ist kein Heil“; Joh 19,6: „Kreuzige, kreuzige ihn!“. Vergleichbar sind triadische Strukturen in liturgischen Formeln wie Jes 6,3: „Heilig, heilig, heilig ist Jahwe Zebaot“. Wird das letzte Wort des Satzes im darauffolgenden wiederholt, spricht man von →Anadiplose.

In der Grammatik des Hebräischen bezeichnet Geminatio die Schärfung eines Konsonanten durch seine Verdopplung, angezeigt durch dageš forte, einen Punkt im Konsonanten. Da die Laryngale bzw. Gutturale א (aleph) ה (he) ח (khet) ע (ayin), außerdem ר (resh) nicht geschärft werden können, wird der vorangehende Vokal gedehnt (Ersatzdehnung) oder virtuell verdoppelt, d.h. der vorangehende Vokal bleibt kurz. Man tut als ob.

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Glosse

Im Rahmen der →Textkritik meint Glosse (von lat. glossa Kommentar"; lat. Lehnwort von griech. γλῶσσα/glōssa „Zunge“, „Sprache“) einen sekundären Kurzkommentar, z.B. zu einem ungewöhnlichen oder unverständlichen Ausdruck innerhalb eines Textes. Es kann sich hierbei um eine Interlinear-Glosse, zwischen den Zeilen notiert, eine Kontext-Glosse, in die laufenden Zeilen notiert, oder um eine Marginal-Glosse, an den Blattrand notiert, handeln. Im Lauf der Tradierung von Texten kann es passieren, dass die als Kommentar vorgesehenen Glossen Teil der Texte werden (→Interpolation). Ist eine Glosse nicht mehr auf Grund des Schriftbildes vom ursprünglichen Text zu unterscheiden, ist eine sichere Differenzierung schwierig und nur mithilfe sprachlicher und stilistischer Argumente zu führen. In der Kommentarliteratur werden für das AT und das NT u.a. folgende Bibelstellen als mögliche Glossen diskutiert: Gen 32,32; 1Sam 9,9; Röm 6,17b; Röm 7,25b.

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H

Hendiadyoin

Ein Hendiadyoin (von griech. ἓν/hen „Eins“, διά/dia „durch“ und δυό/dyo „Zwei“) ist eine rhetorische Figur, in der eine Bedeutungseinheit durch zwei Begriffe, Substantive oder Verben, ausgedrückt wird. Ziel ist die Intensivierung eines Ausdrucks. Die →Semantik beider Begriffe kann dabei nah beieinander liegen, z.B. Lk 6,48: „Er gleicht einem Menschen, der beim Hausbauen gräbt (ἔσκαψεν/eskapsen) und es tief macht (ἐβάθυνεν/ebathynen)“; sinngemäß: „tief gräbt“. Sie muss es aber nicht, z.B. 2Sam 20,19: „Du aber trachtest danach, eine Stadt (עיר/‛yr) und Mutter (אם/’m) in Israel zu töten“; sinngemäß: „eine Mutterstadt zu töten“.

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Homoioarkton

Das Homoioarkton (von griech. ὅμοιος/homoios „gleich“ und ἀρχή/archē „Anfang“) bezeichnet eine Folge von Wörtern mit gleichem oder sehr ähnlichem Wortanfang, z.B. Röm 12,15: χαίρειν μετὰ χαιρόντων, κλαίειν μετὰ κλαιόντων/chairein meta chairontōn, klaiein meta klaiontōn („Freut euch mit den sich Freuenden, weint mit den Weinenden“). Wortfolgen mit gleicher oder sehr ähnlicher Schlusssilbe werden als →Homoioteleuton (von griech. ὅμοιος/homoios „gleich“ und τέλος/telos „Ziel“, „Ende“) bezeichnet. Auch in der →Textkritik sind diese beiden Begriffe von Bedeutung. Wenn zwei aufeinander folgende Wörter, Satzteile, Sätze oder Abschnitte gleich oder graphisch ähnlich anfangen oder aufhören, kann es sein, dass eines der beiden Wörter, einer der beiden Satzteile, Sätze oder Abschnitte bei der Abschrift des Manuskriptes übersprungen wurde. Ein →Homoioteleuton ist z.B. die Ursache für den kürzeren Text der Septuaginta in Jer 34,4.6 (= 27,5.8 MT) oder das Fehlen von Mt 5,19b in den Handschriften א* und W. In diesem Zusammenhang spricht man auch von →aberratio occuli (lat. „Abirren des Auges“). So irrte das Auge eines Abschreibers von der Ortsangabe בָּבֶלָה/babelāh („nach Babel“) am Ende von Jer 27,20a auf die identische Ortsangabe zu Beginn von V. 22 ab, was den kürzeren Text der Septuaginta an dieser Stelle erklärt. Homoioptoton →Paronomasie

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Homoioptoton

Als Homoioptoton (von griech. ὅμοιος/homoios „gleich“ und πτῶσις/ptōsis „Fall“) bezeichnet man eine Folge von Wörtern mit gleicher Kasusendung, z.B. Röm 5,16: „Und die Gabe (δώρημα/dōrēma) ist nicht wie durch einen, der sündigte. Denn das Urteil (κρίμα/krima) führt von einem zur Verdammnis (κατάκριμα/katakrima), die Gnadengabe (χάρισμα/charisma) aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit (δικαίωμα/dikaiōma).“ Das Homoioptoton ist ein Spezialfall des →Homoioteleuton.

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Hyperbel

Bei der Hyperbel (von griech. ὑπερβολή/hyperbolē „Überfluss“) handelt es sich um eine rhetorische Figur, die durch eine das Wahrscheinliche strapazierende Übertreibung einen Gedanken verstärken will. Sie begegnet häufig in metaphorischer Gestalt (→Metapher), z.B. Mt 7,3: „Was aber siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem eigenen Auge aber siehst du nicht?“

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Hysteron-Proteron

Das Hysteron-Proteron (von griech. ὕστερον/hysteron „später” und πρότερον/proteron „eher”) beschreibt eine rhetorische Figur, die man wörtlich als “das Spätere eher” bezeichnen könnte. Durch die Platzierung des in der Zeitfolge Späteren vor dem Früheren kommt es zu einer Akzentuierung der Bedeutung. Apg 28,25: „Als sie aber untereinander uneins waren, gingen sie weg, als Paulus ein Wort sprach: ...“

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I

intentio auctoris

Die intentio auctoris (von lat. intentio „Absicht“ und auctor „Autor“) vertritt im Dreieck von Autor, Text und Leser den Autor bei der Frage nach dem Sinn und der Absicht eines Textes. Die Frage nach der intentio auctoris ist also die Frage danach, was der Autor mit dem Text gemeint und beabsichtigt hat. Die Absicht des Autors ist dem Leser jedoch nicht unmittelbar, sondern nur über den Text, zugänglich. Dieser Text muss wiederum vom Leser rezipiert werden. Für ein angemessenes Verständnis eines Textes muss daher auch nach der intentio operis und der intentio lectoris gefragt werden.

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intentio lectoris

Die intentio lectoris (von lat. intentio „Absicht“ und lector „Leser“) vertritt im Dreieck von Autor, Text und Leser den Leser bei der Frage nach dem Sinn und der Absicht des Textes. Die intentio lectoris ist also das, was der Leser aufgrund seiner Herkunft und seines Vorverständnisses für sich in dem Text findet bzw. in ihn hineinlegt. Weil jeder Text aber auch gegenüber den Intentionen seiner Leser autonom ist, und damit das Textverständnis nicht beliebig wird, muss die Frage nach der intentio lectoris immer durch die Fragen nach der intentio operis und der intentio auctoris korrigiert werden. Weil aber ein Text immer nur durch die Arbeit des konkreten Lesens eines bestimmten Individuums erschlossen werden kann und die Rezeption nicht von den jeweiligen Gegebenheiten des lesenden Individuums gelöst werden kann, muss die intentio lectoris bei der Frage nach dem Sinn und der Absicht eines Textes immer mit berücksichtigt werden.

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intentio operis

Die von Umberto Eco eingeführte Kategorie der intentio operis (von lat. intentio „Absicht“ und opus „Werk“) vertritt im Dreieck von Autor, Text und Leser den Text (d.h. das Werk). Sie basiert auf der Einsicht, dass jeder Text sowohl gegenüber dem Autor als auch gegenüber dem Leser autonom ist. Ein Text beruht nicht allein auf dem Gestaltungswillen des Autors und dieser Gestaltungswille ist nie vollkommen frei. Denn ein Text basiert auch auf vom Autor unabhängigen sprachlichen Strukturen und Mechanismen, die dem Autor übergeordnet sind und z.T. unbewusst bei der Erstellung eines Textes wirksam sind. Der vom Autor aus der Hand gegebene Text hat seinen Sinn nicht unmittelbar aufgrund der Aussageabsicht des Autors (intentio auctoris), sondern aufgrund des ‚Eigenlebens‘ seiner sprachlichen Elemente in ihren Strukturen. Deshalb sind die Aussageabsicht des Autors und der Sinn des Textes nie genau ein und dasselbe. Von daher ist es sinnvoll, den Sinn des Textes zunächst im Text selber zu suchen. Die intentio operis ist demnach die erste Adresse bei der Frage nach Sinn und Absicht eines Textes, zumal nur über den Text die Aussageabsicht des Autors ermittelt werden kann, die sich eben nie vollständig mit der intentio operis deckt. Zugleich ist die intentio operis im Hinblick auf die verschiedenen Interpretationen und Lesarten eines Textes durch den Leser die Größe, an der sich die intentio lectoris messen und korrigieren lassen muss, wenn sie nicht beliebig werden soll.

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Interjektion

Als Interjektion (von lat. interiectio „Einwurf“, „Einschub”) werden Wörter bezeichnet, die in den Textfluss eingeschoben werden, um ‚spontanen‘ Empfindungen wie Freude, Überraschung etc. Ausdruck zu verleihen. Sie stehen außerhalb des Satzzusammenhanges und haben eigentlich keinen Wortcharakter oder lexikalische Bedeutung. Z.B.: אנה/’nh oder אנא/’n’ bzw. οὐά/oua („Ach!“) (Gen 50,17; Jon 1,14; Mt 15,29). Darüber hinaus gibt es Wörter, die durch ihren Gebrauch zur Interjektion werden, wie z.B. הנה/hnh bzw. ἰδού/idou („Siehe!“) in Gen 6,17 oder Mt 2,1, ohne jedoch ihren Wortcharakter zu verlieren.

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Inversion

Die Inversion (von lat. inversio „Umstellung“), auch Anastrophe (von griech. ἀναστροφή/anastrοphē „Umkehr“), ist ein rhetorisches Stilmittel, in dem die geläufige syntaktische Wortstellung umgestellt wird. Dies kann in poetischen Texten aufgrund des Rhythmus oder des Reimschemas geschehen. In Prosatexten dient die Inversion häufig der sprachlichen Hervorhebung und Betonung der umgestellten, insbesondere der vorangestellten Teile. Z.B. Lk 1,12: καὶ φόβος ἐπέπεσεν ἐπ’ αὐτόν/kai phobos epepesen ep’ auton („und Furcht kam über ihn“). Um eine Inversion handelt es sich wegen der im Griechischen bevorzugten Stellung des Prädikats vor dem Subjekt. Allerdings ist der Satzbau der hebräischen wie auch der griechischen Sprache im Vergleich zum Deutschen sehr viel variabler. Damit ist es häufig schwierig dieses Phänomen zielsprachlich abzubilden.

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J

K

kataphorisch

In der Syntaxlehre bezeichnet der Begriff ‚kataphorisch‘ (von griech.: καταφέρω/katapherō „hinabtragen“) die Verweisrichtung (Phorik) von Wörtern, die auf das innerhalb des Satzgefüges oder Kontextes Nachstehende zeigen. D.h. es wird auf etwas verwiesen, das dem Leser bisher noch nicht bekannt ist. Z.B. Joh 2,22: „Als er von den Toten auferweckt worden war, erinnerten sich seine Jünger (μαθηταὶ αὐτοῦ/mathētai autou), dass er dies gesagt hatte und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.“ (das Pronomen ‚seine‘ [αὐτός/autos] verweist auf den später im Satz genannten ‚Jesus‘). Das Gegenteil zu kataphorisch ist anaphorisch. Die Verweisrichtung lässt sich allerdings nicht immer eindeutig bestimmen. Umstritten ist z.B., ob es sich bei dem Adverb οὕτως/houtōs („so“) in Röm 11,26 um einen anaphorischen („ebenso“, „also“) oder kataphorischen („folgendermaßen“) Verweis handelt. Sprachlich möglich sind hier beide Varianten. Unter Umständen ist eine Doppeldeutigkeit sogar intendiert. Im Vergleich zur Anapher begegnet die Katapher seltener in Texten, denn ein Verweis auf etwas, das im Text erst folgt, ist für den Leser deutlich schwieriger zugänglich.

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Klimax

Die Klimax (von griech. κλῖμαξ/klimax „Leiter“, „Treppe“) ist eine rhetorische Figur, die durch Aneinanderreihung einzelner Wörter, Satzteile oder Sätze in steigernder Reihenfolge eine Betonung der Aussage herbeiführt (z.B. Julius Caesars berühmter Ausspruch: veni, vidi, vici „ich kam, ich sah, ich siegte“). Gegensatz ist die Antiklimax, bei welcher die Reihe der Wörter, Satzteile oder Sätze inhaltlich abfällt. Die Klimax kann sich der Form der Wiederholung bedienen (→Anadiplosis; →Geminatio) und so eine stärkere Verbindung der jeweiligen Teile der Klimax-Reihe herbeiführen. Z.B. Röm 5,3-5: „sondern wir rühmen uns auch in den Trübsalen, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden“. Der Begriff Klimax kann auch den Höhepunkt einer Argumentation oder Erzählung bezeichnen, wie z.B. in der Plagenerzählung Ex 7-12, wo die ‚Zeichen‘ bzw. ‚Schläge‘ bis hin zur Tötung der Erstgeburt gesteigert werden.

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Kohärenz/Kohäsion

Die Begriffe Kohärenz und Kohäsion (von lat. cohaerere „zusammenhängen“) stammen aus der Linguistik und bezeichnen den inneren Zusammenhang eines Textes. Kohärenz bezieht sich auf die inhaltliche, thematisch-logische Ebene eines Textes, während man unter Kohäsion den inneren Zusammenhang eines Textes auf →syntaktischer, →semantischer und →pragmatischer Ebene versteht. Als Kriterien für die Kohäsion innerhalb von Texten gelten z.B. Wiederholungen von Wörtern und Wortgruppen, Pronomen und Proverben sowie Ellipsen und Paraphrasen. In der →Exegese wird die Untersuchung der Kohärenz eines Textes vor allem innerhalb der Methode der →Literarkritik verwendet und dient als Kriterium für oder gegen die Einheitlichkeit eines Textes. So wird z.B. in der Forschung häufig Joh 13,33-38 hinsichtlich der thematischen Einheitlichkeit diskutiert: V.33.36-38 handeln von Jesu Ankündigung, dass er die Jünger verlassen wird bzw. Petrus’ Bitte, ihn zu begleiten, während sich in V.34-35 als neues Thema das Liebesgebot findet.

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Konkretum

Als Konkretum gilt in der Grammatik ein Substantiv, das etwas sinnlich Wahrnehmbares, also Gegenstände und Handlungen, beschreibt. So z.B. ‚Buch‘, ‚Tempel‘ oder ‚Kalb‘. Demgegenüber beschreiben die Abstrakta etwas Gedachtes, das deshalb immer durch weitere beschreibende Wörter konkretisiert werden muss. Gemeinsam bilden Konkreta und Abstrakta die beiden großen Gruppen innerhalb der Nomina.

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L

Litotes

Die Litotes (von griech. λιτότης/litotēs „Schlichtheit“, „Einfachheit“) ist eine rhetorische Figur, die eine Hervorhebung dadurch zum Ausdruck bringt, dass sie das Gegenteil in untertreibender Weise verneint. Z.B. ‚Nicht schlecht!‘ für ‚Sehr gut!‘. So spricht Paulus in Apg 21,39 von Tarsus als „einer nicht unberühmten Stadt in Kilikien“.

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M

Merismus

Der Merismus (von griech. μερισμός/merismos „Teilung“, „Zergliederung“) umschreibt ein Ganzes durch seine Teile. Die Teile korrespondieren dabei auf einer Sinnebene und können teilweise Gegensatzpaare bilden. Die sprachliche Eigenart des Merismus ist es auf Abstrakta zu verzichten und stattdessen Konkreta zu verwenden. Z.B. Gen 1,1: „Himmel und Erde“ für die Gesamtheit der Schöpfung (vgl. Kol 1,16); Röm 1,14: „Griechen und Barbaren“ (=Nichtgriechen) für die Gesamtheit aller Menschen. Im Gegenüber zum Merismus wird beim →pars pro toto das Ganze durch eines seiner Teile beschrieben.

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N

O

Onomatopoesie

Die Onomatopoesie (von griech. ὄνομα/onoma „Namen“ und ποιέω/poieō „machen“) ist die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Lauten (Lautmalerei). Z.B. Jes 40,3: קול קורא/qwl qwr' „eine Stimme ruft“) und Joh 9,6: πτύω/ptuō („spucken“).

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P

Palimpsest

Ein Palimpsest (von griech. παλίμψηστος/palimpsēstos „wieder abgeschabt“, lat. codex rescriptus „wiederbeschriebener Codex“) ist ein Pergament, oder seltener ein Papyrus, dessen ursprünglicher Text abgeschabt wurde, um es neu zu beschreiben. Dies war eine übliche Form der Wiederverwertung in der Antike und bei den Mönchen des 7. bis 9. Jahrhunderts. Dies geschah neben Werken antiker Autoren auch mit christlichen Texten, von denen es entweder  viele Exemplare gab oder die als weniger wichtig galten. Der ursprüngliche Text kann mit Infrarot-Fotographie, Durchleuchtung oder der Fluoreszenzmethode wieder lesbar gemacht werden. So wurden z.B. Euripides, Phaeton und Cicero, De re publica als Palimpseste wiedergefunden. Von den ca. 280 →Majuskeln im NT sind 55 Palimpseste. Das bedeutendste biblische Palimpsest ist der Codex Ephraemi rescriptus (Siegel C). Die ursprüngliche Handschrift aus dem 5. Jh. wurde im 12. Jh. mit einem Text des Kirchenvater Ephraem überschrieben.

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Patiens

Der Begriff Patiens (von lat. patior „erleiden“) bezeichnet denjenigen oder dasjenige, an dem sich die vom Agens ausgeführte Handlung eines Satzes vollzieht. Z.B. Gen 1,1: „Am Anfang schuf Gott (Agens) den Himmel (Patiens) und die Erde (Patiens).“ Wegen ihrer unterschiedlichen Funktion ist es sinnvoll, zwischen dem Subjekt (syntaktische Funktion) und dem Agens bzw. Patiens (semantische Funktion) zu unterscheiden. In Aktivsätzen steht der Agens in der Regel im Nominativ, der Patiens hingegen im Akkusativ. In Passivsätzen wiederum steht der Patiens im Nominativ und der Agens in einem entsprechend anderen Kasus.

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Phorik

Unter dem Überbegriff Phorik (von griech. φέρω/pherō „tragen“) werden in der Syntaxlehre die Begriffe ‚anaphorisch‘ und ‚kataphorisch‘ zusammengefasst. Sie beschreiben die je gegensätzliche Verweisrichtung von Wörtern (meist von Artikel und Pronomen zu Substantiven) innerhalb eines Textes. Von der Phorik, mit welcher ausschließlich intertextuelle Bezüge beschrieben werden, lässt sich die Deixis unterscheiden, die im Gegensatz dazu auch die Bezüge auf den außertextuellen Kontext des Textes beschreibt.

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Pluraletantum

Der Begriff Pluraletantum (pl. Pluraliatantum, von lat. plurales „mehrzahlig“ und tantum „nur“) bezeichnet Substantive, die es nur in der Pluralform gibt. Beispiele im Deutschen sind: ‚Ferien‘, ‚Eltern‘, ‚Leute‘; im Hebräischen: פָּנִים/pānîm „Angesicht“, חַיִּים/ḥayîm „Leben“; im Griechischen τὰ γενέσια/ta genesia „die Geburtstagsfeier“ (Mk 6,21 par. Mt 14,6); τὰ πυρά/ta pura „die Feuer“ (Apg 28,2f.). Im Hebräischen haben manche Nomina im Plural eine eigene Bedeutung gewonnen und sind insofern den pluralia tantum vergleichbar, als sie diese Bedeutung nur im Plural haben: רַחֲמִים/raḥămîm „Erbarmen“ vom Sg. רֶחֶם/reḥem „Mutterleib“.

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Polysyndeton

Das Polysyndeton (von griech. πολύς/polus „viel“ und σύνδετος/syndetos „verbunden“) ist eine rhetorische Figur, mit der die vielfache Aneinanderreihung von Wörtern oder Satzteilen durch dieselben Konjunktionen wie ‚und‘, ‚oder‘, etc. bezeichnet wird. Wie seinem Gegenstück, dem Asyndeton, kommt ihm die Funktion der Hervorhebung und Dramatisierung zu. Eine solche Reihung findet sich z.B. in 1Kor 13,2: „Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß und wenn ich allen Glauben habe, […].“ Im Gegensatz zum Polysyndeton bezeichnet das Asyndeton die unverbundene Aneinanderreihung von Wörtern oder Satzteilen.

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Prolepse

Die Prolepse (von griech. πρόληψις/prolēpsis „Vorwegnahme“, „Vorahnung“) ist eine rhetorische Figur, mit der bisher noch nicht erwähntes Geschehen oder eine Sache vorweggenommen wird. Damit bildet sie das Gegenstück zur Analepse. Die Prolepse kann dazu dienen, Spannung aufzubauen. Ein Beispiel sind die Leidensankündigungen in Mt 16,21; 17,22; 20,18-19. Auf grammatischer Ebene bezeichnet eine Prolepse auch die Vorwegnahme des Subjektes des Nebensatzes als Objekt im Hauptsatz. Z.B. Mt 6,28: „Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen.“

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Q

R

S

 

Synchronie

Die synchronische (von griech. σύν/syn „zugleich“ und χρόνος/chronos „Zeit“) Untersuchung von Texten ist eine Fragestellung, die alle Elemente eines Textes auf derselben zeitlichen Ebene behandelt und damit den Text in seiner vorliegenden Gestalt interpretiert. Das Gegenteil ist die diachronische (von griech. διά/dia „durch“ und χρόνος/chronos „Zeit“) Untersuchung, die Texte hinsichtlich ihrer Entwicklung und Veränderung durch die Zeit, d.h. hinsichtlich ihrer Entstehung, befragt. Dabei wird z.B. gefragt, welche Textteile ursprünglich und welche später hinzugefügt worden sind.

Mit Aufkommen des historischen Interesses an Texten seit der Aufklärung hat zunehmend auch die diachronische Fragestellung für die Exegese an Relevanz gewonnen. Nachdem innerhalb der →historisch-kritischen Methode die diachronische Betrachtung von Texten mitunter sehr stark in den Vordergrund gerückt wurde, hat man seit Ende des 20. Jhs. unter dem Schlagwort ‚Primat der Synchronie‘ wieder die Wichtigkeit einer Interpretation der Endgestalt des Textes betont.

In der exegetischen Literatur werden die verschiedenen Methodenschritte häufig hinsichtlich Synchronie und Diachronie sortiert. Dabei werden vor allem die Analyse der Textstruktur, aber auch die →Redaktionskritik (sofern v.a. als Kompositionskritik verstanden), als synchronische Lesarten des Textes verstanden, →Literarkritik und →Überlieferungskritik z.B. als diachronische Lesarten. Es lässt sich jedoch fragen, ob eine derartige Einteilung konsequent durchzuhalten und für das Verständnis der einzelnen Methodenschritte hilfreich ist. Eine Analyse der Textstruktur ist noch am eindeutigsten ausschließlich als synchronische Fragestellung zu erkennen, d.h. sie ist nur an der Endgestalt des Textes interessiert. Die →Redaktionskritik dagegen, zwar auch an der Endgestalt des Textes interessiert, integriert außerdem diachronische Aspekte. Ebenso vermischen sich in motiv- und begriffsgeschichtlichen Untersuchungen der →Traditionskritik synchronische (Gebrauch eines Begriffs innerhalb einer Schrift oder eines Corpus) und diachronische (Geschichte eines Begriffs) Aspekte.

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Synsemantikum

Das Begriffspaar Autosemantikum (von griech. αὐτός/autos „selbst“ und σημεῖον/sēmeion „Zeichen“; auch Bedeutungs-, Inhalts-, Vollwort genannt) /Synsemantikum (von griech. σύν/syn „mit“ und σημεῖον/sēmeion „Zeichen“; auch Struktur-, Leer-, Funktionswort genannt) wird zur grundlegenden Klassifizierung von Wörtern im Hinblick auf die Frage, ob bzw. wie Bedeutung mit ihnen verbunden ist, verwendet. Als autosemantisch werden Wörter bezeichnet, die alleine stehend, d.h. ohne Verbindung mit einem anderen Wort eine Bedeutung haben, wie es bei Substantiven, Adjektiven und Verben der Fall ist  (z.B. ‚Tempel‘, ‚gut‘, ‚verkünden‘). Demgegenüber haben synsemantische Wörter für sich genommen keine eigene Bedeutung. Eine Bedeutung entsteht erst dann, wenn sie mit mindestens einem autosemantischen Wort zusammengebracht werden, wie es bei Präpositionen, Konjunktionen und Partikeln der Fall ist (‚im Tempel‘, ‚sehr gut‘, ‚verkünden und sagen‘). Diese Unterscheidung ist nicht unumstritten und lässt sich nicht immer exakt durchhalten. 

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T

TaNaK

TaNaK (auch: TeNaK; gesprochen: tanach/tenach) ist ein Akronym (eine Abkürzung, die aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter besteht), das den Kanon der hebr. Bibel bezeichnet. Es besteht aus den Anfangsbuchstaben der drei Kanonteile – Tora (Gen-Dtn – „Weisung“), Nevi'im (Jos-2Kön, Jes, Jer, Ez, Dodekapropheton – „Propheten“) und Ketuvim (Ps, Hiob, Spr, Rut, Hld, Koh, Klgl, Est, Dan, Esr, Neh, 1/2 Chr – „Schriften“).

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Tautologie

Die Tautologie (von griech. ταὐτό/tauto = τὸ αὐτό/ to auto „dasselbe“ und λόγος/logos „Rede“, „Wort“) bezeichnet in der Rhetorik ein stilistisches Mittel, bei dem durch Wiederholung eines sinnverwandten Begriffs – meist gleicher Wortart – dieselbe Sache oder derselbe Sachverhalt bezeichnet und so die Aussage verstärkt wird. Z.B. ‚nie und nimmer‘ (vgl. Hendiadyoin) oder Gen 40,23: „Der Obermundschenk dachte nicht mehr an Joseph und vergaß ihn“, Heb 4,16: ἳνα λάβωμεν ἒλεος καὶ χάριν εὓρωμεν/hina labōmen eleos kai charin ehurōmen („damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden“) und Off 16,19: θυμός τῆς ὀργῆς/thumos tēs orgēs („Wut des Zorns“). Ähnlich der Tautologie ist der →Pleonasmus. Die Unterscheidung beider Begriffe wird nicht immer durchgehalten.

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U

V

W

X

Y

 Z

 

 

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