Dr. Ann-Kathrin Armbruster

Figuration und Aneignung. Hermeneutische Konklusionen zur Bedeutung narrativ-bildhafter Elemente im Kontext dogmatischer Lehre im Anschluss an Philipp Melanchthon

Promotionsprojekt (eingereicht am 04.04.2022)

In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, welche Rolle bildhafte Rede, Bilder und Narrationen zu materialdogmatischen Topoi im Aneignungsprozess der Inhalte spielen. Anhand der Rezeptionsgeschichte der Ovidischen Medea problematisiere ich hierfür zunächst, wie einseitig-reduktionistische Lesarten hermeneutische Prozesse in ihrer Multidimensionalität verhindern. Über eine theoretische Klärung des Figurationsbegriffs nähere ich mich der These, dass Hermeneutische Figurationen als Prozesse zwischen Rezipient:in und Text und/oder Bild im Rahmen anthropologischer Kategorien beschrieben werden können und dies in methodischer Hinsicht ein Verständnis von Aneignungsprozessen unterstützt.

Philipp Melanchthon eignet sich hierfür als Referenz, da seine Werke sich durch eine enge Verflechtung von Methodologie, Methodik, Materialdogmatik und Praxisbezug auszeichnen, wenn auch unter dem Vorzeichen einer vorkritischen Theologie. Damit eignen sich seine Werke sowohl für theoretische Überlegungen wie auch die Analyse eines Versuchs der Umsetzung der oben genannten Fragestellung.

Ann-Kathrin Armbruster
© Ann-Kathrin Armbruster
Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
© Thorben Alles

Dr. Thorben Alles

Fundamentaltheologische Rationalität. Eine Grundlagenreflexion zu theologischen Begründungen

Promotionsprojekt

Die Entwicklung, Einordnung und Kritik von Begründungen sind grundlegender Bestandteil theologischen Arbeitens. Doch was ist eine „theologische Begründung“? Thorben Alles entwickelt einen Antwortvorschlag und zieht daraus Konsequenzen für die Konzepte der Innensicht, der Perspektiven, der Vernunft und der Offenbarung.

Auf der Verlagsseite finden Sie weitere Informationen zur Dissertation von Dr. Thorben Alles, die 2026 bei Mohr Siebeck erschienen ist.

Hier finden Sie die Homepage von Dr. Thorben Alles

Daniel Rossa

Durch Abwesenheit glänzen. Eine Systematik Negativer Theologie mit 
ästhetisch-liturgischem Fluchtpunkt (Eingereicht: 04.07.2025; 
Disputationstermin: 31.03.2026)

Promotionsprojekt

Das maßgeblich im Feld der Religionsphilosophie und Dogmatik angesiedelte Dissertationsprojekt setzt sich in einem ästhetisch-semiotischen Forschungs- und Theoriedesign mit Negativer Theologie in transverbalsprachlichen ästhetischen Gestalten und Gestaltungen auseinander, deren alltagsweltliche Relevanz und methodische Theorierahmen in der Einleitung offengelegt und argumentativ begründet werden. Darauf folgen drei inhaltliche Teile der Arbeit (A-C):

In Teil A skizziert die Arbeit einen weiten systematischen Sammelbegriff eines teilweise expliziten, teilweise impliziten Phänomenbestands Negativer Theologie. Diese heuristische Ausweitung des Phänomenbestands beginnt in Kapitel I mit der Rekonstruktion einer Anreicherungsgeschichte Negativer Theologie im europäisch-westlichen bzw. global-nördlichen Kontext mit bereits pluralen Ursprüngen anhand von bisherigen Überblicksdarstellungen und hebt im Gegenüber zu diesen hervor, dass sich Negative Theologien seit ihren Ursprüngen auch in ästhetischen Kulturgestalten und nicht bloß in Verbalsprache dargestellt haben. Kapitel II zieht daraus Konsequenzen und entwirft einen heuristischen Begriff Negativer Theologie als den o.g. weiten systematischen Sammelbegriff, mit dem sich ein teilweise bloß impliziter Phänomenbestand markieren und heben lässt. Außerdem grenzt das Kapitel das Phänomen der Negativen Theologie gegenüber dem Phänomen der Mystik ab und ein. Kapitel III bietet eine Rekonstruktion des Forschungsdiskurses Negativer Theologie, indem es eine systematische Typologie verschiedener Forschungszugänge präsentiert, die nach Familienähnlichkeit und/oder Genealogie in einzelne Zugriffsregister unterteilt wird. Eine solche Registergruppe stellt der Zugriff über eine Ästhetik Negativer Theologie bzw. über die Verhältnisbestimmung von Negativer Theologie zur Ästhetik dar. Die Beiträge dieses Teildiskurses beziehen sich selten aufeinander und haben sich teilweise gegenseitig noch gar nicht zur Kenntnis genommen. Entsprechend handelt es sich bereits bei ihrer typologischen Zusammenstellung um eine eigenständige systematische Leistung, die die Arbeit zur Grundlage des nachfolgenden Teils macht.

Teil B widmet sich dem in Kapitel III (re)konstruierend vom übrigen negativ-theologischen Forschungsdiskurs isolierten Teildiskurs einer Ästhetik Negativer Theologie und wertet diesen Teildiskurs daraufhin aus, was sich aus den verschiedenen Beiträgen für die Skizze einer Theorie Negativer Theologie ästhetischer Gestalten bzw. einer Theorie ästhetischer Gestaltung Negativer Theologie lernen und in eine solche aufnehmen lässt. Dabei zeigt Kapitel IV zunächst den Entdeckungszusammenhang für die in der Arbeit verfolgte Forschungsfrage auf und präsentiert den Zugriff über das Herausarbeiten ästhetischer Gestalten einer mehr oder weniger expliziten Negativen Theologie in klassischen dogmatischen bzw. religionsphilosophischen Entwürfen (Rudolf Otto, Karl Barth, Hans Urs von Balthasar). Kapitel V nimmt dies auf und untersucht Zugänge der Auseinandersetzungen mit verbalsprachlich-rhetorischen Gestalten bzw. Gestaltung (als) Negative(r) Theologie in exemplarischen zeitgenössischen theologischen, philosophischen und kulturwissenschaftlichen Entwürfen (sprachphilosophische und performanztheoretische Theologie, Dekonstruktivismus, literaturwissenschaftliche Rezeptionsästhetik und deren theologische Rezeption, kulturwissenschaftlicher geheimnis- und schweigetheoretischer Diskurs). Kapitel VI erweitert den Untersuchungsradius sodann auf Entwürfe aus den genannten geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächergruppen, die sich explizit mit transverbalsprachlichen ästhetischen Gestalten und Gestaltungen (als) Negative(r) Theologie auseinandersetzen (philosophische Ästhetik, [theologische] Bildtheorie, Ästhetik Negativer Theologie). Kapitel VII nimmt insofern eine Gelenkstelle zwischen der bisherigen Literaturdiskussion und der in Teil C präsentierten Theorieskizze ein, als dass darin Impulse aus Kapitel VI aufgenommen werden, a) die Ästhetikdimension von Performanz bzw. performance stärker zu bedenken, b) den Unterschied philosophier Ästhetik und eines religiösen Zugriffs auf Negative Theologie u.a. in einem Gestaltungsauftrag zu sehen, der philosophischer Ästhetik nicht, Religion hingegen schon zukomme – und damit möglicherweise ebenfalls ihrer, den reflexiven und institutionellen Zugriff auf Religionsgestaltung mitverantwortenden, wissenschaftlichen Disziplin der Theologie. c) wird der Gottesdienst nicht nur als christlicher Kontext ästhetischer performance markiert, sondern auch d) zugleich als hervorragender Ort (der Gestaltung) von ästhetischen Gestalten Negativer Theologie. Deshalb nimmt Kapitel VII in einer Grundsatzentscheidung solche kulturwissenschaftlichen und praktisch-theologischen Theorien zusammen, die alle implizit, jedoch unterschiedlich stark explizit (Sakral-)Architektur, Kunstperformances und/oder Liturgie als ästhetische Gestalten und Gestaltungsformen verstehen, in denen Negative Theologie als Signatur auftreten kann. Diese (re)konstruktive Grundsatzentscheidung prägt auch im nachfolgenden Teil das Theoriedesign – insbesondere in Hinblick auf die Anwendungsbeispiele in Kapitel IX.

Im Schlussteil C skizziert Kapitel VIII ausgehend von der Sichtung der Ergebnisse der in Teil B erfolgten Diskussion des rekonstruierten Forschungsdiskurses den Umriss einer Doppeltheorie Negativer Theologie ästhetischer Gestalt und ästhetischer Gestaltung Negativer Theologie. Darauf folgt in Kapitel IX als Ausblick die Präsentation von zwei Anwendungsbeispielen der aufgestellten Theorie aus dem ästhetisch-semiotisch gut rezipierbaren und sich in der Grundsatzentscheidung aus Kapitel VII bereits als produktiv andeutenden Feld der Liturgie sowie der finale Hinweis auf ein sich dadurch für die Konzeption der Systematischen Theologie eröffnendes, über eine Theorie Negativer Theologie hinausgehendes Desiderat, dem sich der Autor in seiner künftigen Forschung widmen möchte.

Hier finden Sie den Lebenslauf von Daniel Rossa zum download.

Daniel Rossa
© Daniel Rossa
Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
© Sebastian Alt

Erik Nau

Postkonfessionalität -- Ekklesiologische Perspektiven jenseits konfessioneller Kategorisierungen

Promotionsprojekt

Wie Kirche sich heute darstellt, wie sie gelebt und gedacht wird, hängt viel mit der Umgebung und der Gesellschaft zusammen, in der sie jeweils verortet ist. In den letzten Jahrzehnten zeigen sich in Deutschland große Veränderungen durch Kirchenaustritte und eine weniger starke kirchliche Sozialisierung der Mehrheit der Bevölkerung. Die Menschen, denen Kirche und Glaube weiterhin wichtig ist, empfinden für sich selbst die Unterschiede zwischen den verschiedenen Konfessionskirchen oft als nicht so bedeutend, sondern wünschen sich mehr Zusammenarbeit der Kirchen, deren Unterschiede ihnen nicht so wichtig sind im Verhältnis zu den vielen Gemeinsamkeiten. Dazu kommt, dass viele Menschen für sich selbst entscheiden möchten, wie sie ihren Glauben leben – dazu kann auch gehören, an kirchlichen Angeboten teilzunehmen, die ihnen gefallen, weil sie wohnortnah sind, sie dort eine Gemeinschaft finden, ihnen der Gottesdienst besonders gefällt usw. Von welcher Konfession dieses Angebot gemacht wird, steht nicht unbedingt im Vordergrund. Somit können sich Formen von Kirchenzugehörigkeit oder gelebtem Glauben erkennen lassen, die „postkonfessionell“ sind. Das ist nicht per se gut oder schlecht, gibt aber einen Raum zum Nachdenken gerade für die Perspektiven der Konfessionskirchen, die in ihrer spezifischen Struktur durch diese Entwicklungen besonders angefragt werden. Hier ließe sich ein Potential für die Weiterentwicklung von Kirche, wie sie aktuell besteht, erkennen, wie zum Beispiel durch Versuche mit offeneren Gemeinschaftsformen und flexibleren Möglichkeiten zur Beteiligung für die einzelnen Gläubigen. 

Als Gemeinschaft der Nachfolge Christi, die im Glaubensbekenntnis als Kirche bezeugt wird, die nach Einheit und Universalität streben, auf Gott bezogen und an ihren Ursprüngen orientiert sein soll, ergeben sich daraus auch Möglichkeiten, sich diesem Ideal neu anzunähern und dem historisch gewachsenen Konfessionssystem dabei weniger Bedeutung zuzumessen. Fraglich bleibt, wie die Aufgaben der Kirche wie Feier des Gottesdienstes, Verkündigung des Evangeliums, Hilfe für Bedürftige und Menschen zusammen zu bringen, weiter erfüllt werden können, wenn bestehende kirchliche Strukturen immer stärker ausgedünnt werden müssen. „Postkonfessionalität“ kann dafür eine Möglichkeit bieten, aus einem etwas ungewohnten Blickwinkel auf diese Situation zu schauen und Reaktionen anzuregen, die konfessionelles Denken für Kirche-Sein nicht als den entscheidenden Faktor sehen.

Die Frage nach Konfessionen und Ökumene, Religiosität und Spiritualität begegnet bei der Beschäftigung mit Kirche heute immer wieder angesichts fortschreitender Pluralisierung, Individualisierung und Säkularisierung der Gesellschaft in Deutschland. In den letzten Jahren ist in diesem Kontext auch der Begriff „Postkonfessionalität“ dazu gekommen, der zuletzt in der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) als eine Deutungskategorie aus der soziologischen Forschung übernommen wurde. Der Begriff „Postkonfessionalität“ kam in der Soziologie in den 1990er Jahren auf, um Gesellschaften, die in Mitteleuropa nicht länger einer Strukturierung beinahe aller Lebensbereiche durch die lokale Mehrheitskonfession unterliegen, sondern durch andere und vor allem pluralere Faktoren als nur Religion und Konfession bestimmt werden, zu beschreiben – als in ein post-konfessionelles Zeitalter eingetretene Gesellschaften.

Dieser Entwicklung gilt zunehmend auch ein Interesse der Theologie, hat sie doch einen erheblichen Einfluss auf die Weiterentwicklung verschiedener Formen von Kirche. 

Schon Friedrich Schleiermacher beobachtete zu seiner Zeit Tendenzen der Gläubigen, aus einem starren konfessionellen System an einzelnen Punkten auszubrechen und entwickelte ein Kirchenbild, das flexiblere Partizipationsweisen an Kirche aufgrund der individuellen Frömmigkeiten zumindest innerhalb der protestantischen Konfessionen ermöglichen sollte.  

Heute ist neben religiöser Pluralität auf der einen Seite und Säkularisierung auf der anderen eine große Vielfalt christlicher Konfessionen erkennbar, die nebeneinander existieren und im Rahmen ökumenischer Bemühungen mehr oder weniger nach Verbindungen streben. Während die Mitgliedszahlen in den institutionalisierten Kirchen in Deutschland sinken, entwickeln sich alternative Typen von kirchlichen, religiösen und spirituellen Gemeinschaften und Verbindlichkeitsformen. An etablierten Konfessionen orientierte, religiöse Identitäten gehen zurück, während spirituelle, diakonische oder gemeinschaftsstiftende Angebote nach freier Interessenwahl und nicht nur nach konfessioneller Bindung in Anspruch genommen werden können. Eine Unterscheidung der Konfessionskirchen nach theologischen Profilen, Werten und praktizierter Frömmigkeit fällt allgemein schwerer, während eher noch eine Glaubensperspektive, auf das Christentum im Allgemeinen bezogen, in mehrheitlich säkularisierten Umfeldern eine gewisse Prägnanz und Unterscheidbarkeit entwickeln kann. Somit stellt sich die Frage, inwieweit Konfessionen noch die Kategorien sind oder sein werden, um Kirche in Zukunft zu charakterisieren, oder ob nicht andere Faktoren maßgeblicher sind. PostkonfessionelleKirche oder postkonfessionelles Christentum könnten damit als mögliches Konzept dienen, um reflektierte Impulse zu geben, traditionelle theologische Ideale von Kirchlichkeit, wie etwa die notae ecclesiae des Nizäno-Konstantinopolitanums, oder die kirchlichen Grundvollzüge Liturgie, Zeugnis, Diakonie und Gemeinschaft, in der Praxis weiter zu ermöglichen – ohne sich und die christlichen Individuen dabei durch zu starke interne Abgrenzungen selbst zu beschränken und somit auch ihrer theologischen Funktion als Kirche in der Praxis gerecht werden zu können. 

Vorerst ist der Postkonfessionalitäts-Begriffs in seiner Verwendung noch unscharf, seine Tendenzen hin zu weniger stark ausgeprägten konfessionellen Grenzen spiegeln sich aber schon in zeitgenössischen Ekklesiologien und Praktisch-Theologischen Ansätzen wider. Mögliches Potenzial liegt im Postkonfessionalitäts-Begriff und mit ihm assoziierten Konzepten, da damit das theologische Potenzial kirchlichen Strukturwandels in den Blick genommen werden kann und selbst im konfessionellen Überschreitungsakt immer noch ein kirchenkonstituierendes Moment erkennbar werden könnte.

Clara Winden

Duftende Knospen. Zur Sprache und Metapher in den Reden "Über die Religion" (1799) unter Einbezug von Paul Ricœur und der Neurolinguistik (Arbeitstitel)

Promotionsprojekt

Die Dissertation beschäftigt sich mit Friedrich Schleiermachers Reden "Über die Religion" von 1799, einem theologischen Klassiker, in dem Schleiermacher seine eigene Vorstellung von Religion darlegt, die sich von Sitte, Moral, Dogmatik und Lehre löst und stattdessen Religion als Gefühl für das Unendliche und Anschauung des Universums definiert. Im Fokus steht die metaphorische Sprache der Reden, die individuelle Interpretationen religiöser Erfahrungen ermöglicht. Die Arbeit untersucht Schleiermachers sprachtheoretische Ansätze, insbesondere die Rolle der metaphorischen Sprache als Ausdrucksmittel für Gefühle und die Grenzen der Sprache in der Texthermeneutik. Ergänzend wird die Metapherntheorie von Paul Ricoeur sowie neurolinguistische Erkenntnisse zur Interaktion von Sprache, Emotion und Kognition herangezogen, um die Verbindung zwischen Sprache, Denken und Gefühl zu analysieren. Ziel ist es, die metaphorische Sprache der Reden besser zu verstehen und ihren Mehrwert für die theologische Interpretation herauszuarbeiten. Dabei wird auch die Verbindung zwischen der sprachlichen Form und dem Inhalt der Reden untersucht, um die Bedeutung der metaphorischen Sprache für die Darstellung religiöser Erfahrungen zu verdeutlichen.

Die Reden "Über die Religion" aus dem Jahr 1799 von Friedrich Schleiermacher sind ein theologischer Klassiker, mit dem sich die Forschung bereits intensiv beschäftigt hat. In ihm setzt sich der junge Theologe Schleiermacher, geprägt von frühromantischen Ideen und Denkbewegungen in seinem Freundes- und Bekanntenkreis, mit den Vorstellungen von der christlichen Religion zu seiner Zeit auseinander und setzt diesen seine eigene, fast gänzlich von den biblischen Schriften losgelöste und von Spinoza beeinflusste Vorstellung von Religion entgegen. Das Wesen von Religion ist für ihn nicht Sitte und Moral, auch nicht Dogmatik und Lehre, sondern eine im Menschen befindliche Anlage, die durch die richtige Erziehung und Förderung zum Erblühen gebracht werden soll. Religion ist Anschauung des Universums und Gefühl für das Unendliche. 

Im Untersuchungsfokus der Dissertation steht das Augenmerk nicht primär auf den theologischen Aussagen in den Reden, der Sprache bzw. Sprachgestalt. Die besondere Sprache Schleiermachers, die durch metaphorische Darstellungen des Sachverhaltes des Wesens von Religion offen ist für individuelle Interpretationsmöglichkeiten der beschriebenen religiösen Erfahrung, ist in ihrer Bildhaftigkeit in der Version von 1799 einzigartig; sie wird mit den folgenden Auflagen der Reden stets verändert und auch in ihrer Bildhaftigkeit reduziert. In den fünf Reden gehen bildhafte und anschauliche Sprache mit religionsphilosophischen und theologischen Denkbewegungen einher, besonders die zweite und dritte Rede fallen durch eine poetische, bildhafte Sprache auf, die die Imagination durch kreative Sprachwahl anregt und vermittelte Inhalte so eindrücklich im Gedächtnis des Lesenden verankern.

Hier wird der Ansatz verfolgt, dass die philosophische Poetik von Paul Ricœur, seine von den Ursprüngen phänomenologische Hermeneutik und seine Metapherntheorie, wie er sie u.a. in Die lebendige Metapher dargestellt hat, als ein sinnvolles Gerüst gesehen werden kann, die Metaphern in den Reden Über die Religion neu zu betrachten:

Es soll untersucht werden, inwieweit

a) sich aus philosophischer bzw. sprachphilosophischer Sicht Ricœurs ein Mehrwert von metaphorischer Sprache für den Text bestimmt werden kann und wo die Grenzen dieses Mehrwerts liegen; 

b) Ricœurs Denken über die romantische Sprachhermeneutik Schleiermachers hinausgeht, wo es Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt, und 

c) das philosophische und sprachkonzentrierte Denken Ricœurs offen ist für die distinkt theologische Vorstellung von Religion bei Schleiermacher. 

Neben der philosophischen Metapherntheorie von Ricœur werden in einem weiteren Schritt auch die kognitive Sprachtheorie von Lakoff/Johnson bzw. neurolinguistische Erkenntnisse zum Denkprozess von Metaphern, Sprache und Gefühl mit einbezogen.

In einem ersten Kapitel wird Schleiermachers sprachtheoretischen Konzeption mit Blick daraufhin untersucht, inwieweit metaphorische Sprache in ihrer Möglichkeit als besonderes Ausdrucksmittel, etwa von individuellem Gefühl, reflektiert wird und welche Grenzen und Möglichkeiten Schleiermacher in seiner Texthermeneutik und besonders durch die unterschiedlichen Methoden des Textverständnisses (etwa durch die divinatorische Methode) der Sprache zuschreibt. In einem anschließenden Anwendungsschritt sollen die Reden Schleiermachers in ihrer Version von 1799 an ausgesuchten Stellen mithilfe der Ergebnisse der Texthermeneutik Schleiermachers selbst untersucht werden.

In einem zweiten Schritt ist geplant, die Hermeneutik und philosophische Poetik Paul Ricœurs mit der Intention vorzustellen, ihre besondere Wertschätzung der Sprache und besonders ihrer metaphorischen Nutzung für eine Untersuchung der Reden Schleiermachers fruchtbar zu machen. 

Dafür muss sich zwecks eigener Verortung zuerst Ricœurs Denken als Philosoph und dem theologischen Forschungsumgang mit diesem genähert werden. Deutlich wird, dass die Forschung die Wichtigkeit einer Verhältnisbestimmung von Ricœurs philosophischen Hermeneutik zu seinen auf biblisch-exegetische Probleme bezogenen Untersuchungen unterschiedlich bewertet hat und eine Trennung von seinen rein philosophischen Schriften einerseits und theologisch ausgerichteten, vormals biblisch-exegetischen Schriften andererseits, unterschiedlich stark vornimmt. 

Dann sollen Ricœurs philosophische, sprachtheoretische und poetologische Überlegungen zur Sprache gebracht und der Mehrwert dieses Verständnisses für die poetische Sprache vorgestellt werden. Seine Bestimmung von religiöser Sprache, poetischer Sprache und wissenschaftlicher Sprache usw. werden dabei kritisch hinterfragt. Der Interpretationsprozesses bei Ricœur, also die Aneignung der kulturell vermittelten (Text-)welten durch den Leser, wird nach Stärken, aber auch nach Schwächen dieses Denkens (z.B. die Unterteilung in tote und lebendige Metaphern) untersucht, ebenfalls muss nach der Reichweite seiner ontologischen Implikationen gefragt werden.

In einem abschließenden Schritt sollen diese Ergebnisse konkret in der zweiten Analyse der aus dem ersten Kapitel bereits untersuchten Textstellen der Reden Schleiermachers verwertet werden. Dadurch soll deutlich werden, auf welche konkrete Weise Ricœurs Theorie metaphorischer Sprache und Texthermeneutik für das Verständnis der Reden Schleiermachers einen Mehrwert birgt.

In einem dritten Schritt soll das Metaphernverstehen unter interdisziplinärem Einbezug neurolinguistischer Forschungsuntersuchungen zur Interaktion von Sprache, Emotion und Kognition im Gehirn in den Blick genommen werden.  Gibt es einen Konnex zwischen Sprache und Denken und wie sieht er aus? Welche Verbindung lässt sich zwischen phänomenologisch-sinnlicher Erfahrung und bildhafter, metaphorischer Sprache ziehen? Und was lässt sich über die emotionale Wirkung bildhafter Sprache sagen? Dabei sollen kritisch die Grenze der Theologie zu einem rein biologistischen Blick auf den Menschen beleuchtet und die unterschiedlichen Methoden und Annahmen einer philosophischen, theologischen und neurolinguistischen Sicht auf den Menschen skizziert werden.

Die Überprüfung der Arbeitshypothesen findet dann in einem anschließenden Schritt in der erneuten textnahen Analyse der Reden, parallel zu den Anwendungsteilen in Kapitel I und II, statt. Hier soll schließlich der bislang eher (sprach-)philosophisch und neurolinguistisch ausgerichtete Blick der Arbeit um den theologischen Blickwinkel auf die Reden ergänzt werden: Das Wesen von Religion steht hier konkret mit Blick auf seinen sprachlichen Zusammenhang zur Untersuchung. Welche Verbindungen gibt es zwischen dem Inhalt der Reden und der konkreten Sprachgestalt? Die reichhaltige und ergiebige Forschungsliteratur in der Theologie zu Schleiermacher wird hier besonders dann mit einbezogen, wenn es darum geht, die Verbindunglinien von Denken und Fühlen, von Sprache und Denken nachzuzeichnen. 

Es soll deutlich werden, dass die bildhafte Sprache der Reden nicht nur mit dem jugendlichen Elan und dem frühromantischen Stürmen des jungen Schleiermacher begründet werden kann, sondern dass Schleiermacher bereits sensibilisiert im Sinne eines sprachreflexiven linguistic turn war: Sprache kommt, besonders wenn es um das Ausdrücken von Erfahrungen mit Religion (in seinem Verständnis) geht, an ihre Grenzen. Diese können jedoch überschritten werden, indem nach metaphorischen Beschreibungen gesucht wird. 

Ziel der Untersuchung soll darüber hinaus sein, darzulegen, dass eine Beschäftigung mit Ricœur in der Theologie nicht nur mit dem Blick auf eine Relevanz hinsichtlich theologischer Fragestellungen, etwa einer biblischen Texthermeneutik oder dem Verständnis von biblischen Schriften und ihrer Nennung von Gott gegeben ist, sondern dass die sprachphilosophische Frage nach der Bedeutung und dem Mehrwert unterschiedlicher sprachlicher Ausdrucksformen auch für theologische Gebrauchstexte, relevant ist, also die Texte von TheologInnen und PhilosophInnen, die in der Theologie rezipiert und produziert werden. 

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Eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler arbeiten hinter einer Glasfassade und mischen Chemikalien mit Großgeräten.
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Anne Ross

From Exile to Encounter. Migration, Boundary Living and Theological Imagination in the Works of Paul Tillich and Kwok Pui-lan (Arbeitstitel)

Promotionsprojekt

Migration shapes societies, identities, and religious life in profound ways. My dissertation project examines how migration challenges and enriches contemporary theology. Focusing on the German-American theologian Paul Tillich and the Hong Kong–born postcolonial feminist theologian Kwok Pui-lan, the study explores how “living on the boundary” becomes a creative site for theological reflection.

Rather than viewing boundaries only as limits, the project understands them as spaces of encounter — places where cultures, traditions, and forms of knowledge meet. Both Tillich and Kwok experienced migration personally and developed theological approaches attentive to hybridity, context, and intercultural negotiation. Their work suggests that theological imagination can grow precisely from the tensions between home and exile, center and margin, known and unfamiliar.

In the “Age of Migration,” the project argues, theology must engage these experiences. Migration is not only a social reality but can also become a resource for rethinking faith, community, and belonging.

Migration is one of today’s major global “Grand Challenges.” It reshapes political landscapes, affects cultural and religious identities, and raises fundamental questions about belonging, justice, and meaning. The field of protestant systematic theology, however, has often approached migration only indirectly. My dissertation seeks to address this gap by interpreting migration as a site where theological knowledge is formed through lived experience. 
The project develops this proposal through a dialogue between two influential but rarely compared figures: Paul Tillich (1886–1965) and Kwok Pui-lan (*1952). Both stand in different theological traditions – Tillich in mid-20th-century German-American Protestantism, Kwok in contemporary postcolonial feminist theology – yet both engage themes of boundary, exile, and cultural negotiation. Their works illustrate what can be called a “boundary existence”: a form of theological thinking shaped by migration, hybridity, and contextual change.

 The dissertation begins with a conceptual and methodological introduction to theology and migration. Drawing on interdisciplinary research, it examines distinctions between migration, exile, diaspora, flight, and pilgrimage, and analyzes how religion and migration interact in both stabilizing and transformative ways. This framework situates migration not merely as a sociopolitical phenomenon but as a category with theological significance.

 The second major section investigates Paul Tillich’s migration to the United States in 1933 and the theological implications he drew from it. In On the Boundary and The Courage to Be, Tillich articulates a theology of participation and ultimacy shaped by his experience of exile. For Tillich, the boundary becomes a site of cognition and encounter – between philosophy and theology, individual and society, native and alien world. His insistence that the “courage to be” emerges precisely at the limits of human possibility, resonates strongly with contemporary discussions of displacement, vulnerability, and identity.

 The third section turns to Kwok Pui-lan, whose work exemplifies how postcolonial theory, feminist theology, and diasporic experience can reshape theological discourse. Kwok analyzes migration and boundary living as spaces in which identities are renegotiated and dominant narratives interrogated. Her emphasis on hybridity, contact zones, and planetary consciousness highlights the global dimensions of migration in the late 20th and 21st centuries. She challenges the theological “center” by shifting attention to marginalized voices and by insisting that all theology is rooted in cultural and historical positionalities.

 The final section of the dissertation brings Tillich and Kwok into constructive conversation. Despite their differences, both demonstrate that boundaries are not merely barriers but epistemologically fertile sites where theology becomes reflective, self-aware, and imaginative. The project argues that boundary experiences can generate new forms of theological participation, foster diasporic and intercultural imaginations, and contribute to overcoming theological provincialism.

 In conclusion, my dissertation suggests that the “Age of Migration” demands a renewed theological imagination – one attentive to mobility, multiple belongings, and the fragile but creative conditions of life on the boundary. Migration thus becomes not only a subject for theology, but also a potential source of theological insight.

Jana Puschke

"Uns ist ein Kind geboren" - Erkundungen zu einer theologischen Rede von Geburt und Natalität (Arbeitstitel)

Promotionsprojekt

Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Kind geboren wird? Lässt sich die Bedeutung dieses Anfangspunkts eines neuen Lebens, der Auswirkung auf alle anderen Leben in seinem Umfeld hat, in Worte fassen? Sucht man nach der Bedeutung des Todes oder Umgangsweisen in mit dem Sterben, bietet die philosophische und theologische Tradition einen großen Reichtum an Theorien, Begriffen und Abhandlungen. Blickt man auf die Geburt, findet sich vor allem Hannah Arendts Vorstellung von der Natalität beziehungsweise Gebürtlichkeit des Menschen, die die Fokussierung auf die Sterblichkeit des Menschen ergänzt und die Perspektive ändert: Weil der Mensch geboren ist, kann er immer wieder Neues beginnen. In der Theologie hingegen finden sich nur vereinzelt Theorien rund um Geburt und Geborensein – überraschend, wenn man etwa die Rolle der Geburt Jesu für den christlichen Glauben bedenkt. Gleichzeitig trägt die theologische Tradition eine Vielzahl von Ansprüchen und normativen Vorstellungen rund um die Rolle Gebärender und die Bedeutung der Geburt in sich, etwa in den Darstellungen von Maria und Eva oder Diskursen rund um den Umgang mit Schmerzen. Im Promotionsprojekt sollen diese verschiedenen Aspekte zusammengetragen werden, um dann den Versuch einer Antwort auf die Frage zu geben: „Was heißt es eigentlich, wenn uns ein Kind geboren ist?“.

Hannah Arendt stellt in ihrem Werk „Vita activa“ (1958 bzw. deutsch 1960) der Vorstellung der Sterblichkeit aller Menschen die Vorstellung ihrer Gebürtlichkeit beziehungsweise Natalität zur Seite. Diese Tatsache des Geborenseins jedes Menschen ermöglicht ihr zufolge das Wunder, dass menschliches Leben weder nur Vorlaufen zum Tode sein muss, noch sich in der ewigen Wiederholung immer gleicher Prozesse erschöpft, sondern immer wieder im Handeln Neues beginnen kann. Arendt illustriert ihre Natalitätsvorstellung mit Verweisen auf die Erzählung der Geburt Jesu Christi, die sie aus philosophischer Perspektive betrachtet.

Das Glaubensbekenntnis bekennt Christus als „geboren von der Jungfrau Maria“. Die Weihnachtserzählungen gehören zu den bekanntesten Geschichten der Bibel. Beides legt nahe, dass Geburt zumindest christologisch, damit dann aber auch anthropologisch (wahrer Mensch und wahrer Gott) eine wichtige Rolle spielen sollte. Dessen ungeachtet finden sich in der Theologie bis dato nur vereinzelte Versuche, das Konzept der Natalität auch theologisch fruchtbar zu machen oder eigene Entwürfe zum Geborensein des Menschen zu entwickeln. Dies springt vor allem ins Auge, wenn man als Vergleich die Anzahl der Werke heranzieht, die über Tod und Sterben verfasst wurden.

Das Promotionsprojekt beschäftigt sich daher mit diesem Themenfeld und folgt dabei der These, dass Gebären, Geburt und Geborensein zwar begrifflich zu unterscheiden sind, aber nicht voneinander getrennt werden können – so wie kein Mensch alleine geboren wird, kann die Tatsache des Geborensein des Einzelnen nicht unabhängig vom Vorgang der Geburt und die Perspektive des Kindes nicht ohne die der Eltern (und diese nicht ohne die gesellschaftlichen Erwartungen an Familien) betrachtet werden. Ausgehend vom Natalitätsbegriff werden vorhandene theologische Natalitätskonzepte betrachtet, normative Ansprüche aus der theologischen Tradition an Gebärende, wie sie beispielsweise in Maria und Eva figuriert werden, analysiert, sowie interdisziplinäre Vorstellungen im Blick auf den Umgang mit Geburtsschmerzen aufgenommen. Aus diesen verschiedenen Blickrichtungen, die zeigen, was implizit bereits im theologischen Diskurs zu finden ist, und im Gespräch mit Arendts Konzept wird angestrebt, Elemente und Kriterien für eine systematisch-theologische Rede von Geburt und Geborenwerden zu entwickeln.

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© Jana Puschke

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Das Team des Lehrstuhls für Systematische Theologhie und Hermeneutik stellt sich vor.

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