Epistemologien des Göttlichen

Epistemologien des Göttlichen

Historische Epistemologie als Reflexion über Wissen fragt nach den impliziten oder explizit reflektierten Erkenntnisvoraussetzungen, die in den Epistemen (gr. ἐπιστήμη ‚Wissen, Kenntnis, Einsicht, Fertigkeit, Wissenschaft‘) einer Kultur zur Genese von historischen Wissensformationen beitragen. Die Fähigkeit zur Reflexion über Wissen (das Denken zweiter Ordnung), einschließlich der Ausbildung expliziter Epistemologien, wird in den historisch orientierten Geistes- und Kulturwissenschaften mit dem Beginn der griechischen Philosophie seit vorsokratischer Zeit verbunden. Üblicherweise und aktuell mit dem erneuten Aufblühen der Achsenzeittheorien werden die Kulturen des alten Vorderen Orients (einschließlich Ägyptens und Israels) als archaische Kulturen bezeichnet, in denen die Reflexion über Genese und Charakter von Wissen kaum vorhanden gewesen sein soll. Den sogenannten Hochkulturen an Euphrat, Tigris und Nil, die wesentlichen Einfluss auf das antike Israel ausübten, wurde und wird im Rahmen traditioneller Wissenschaftsgeschichte ein Denken „wrapped in imagination“, „tainted with fantasy“ (Frankfort/Frankfort) und ein „lukewarm mind“ (Mogens Trolle Larsen) zugeschrieben.

Gegen diese Sichtweise zeichnen sich in den vergangenen Jahren Neuansätze bei der Erforschung von „Epistemen“ in diesen Kulturen ab. Der Begriff „Episteme“ stellt im Sinne Foucaults ein kulturell und geschichtlich bedingtes, kollektives a priori dar, das der Dokumentation von und dem Diskurs über Wissen vorgegeben ist. Die „Episteme“ oder kognitiven „Schemata“ (Philippe Descola) sind ebenso wie die expliziten Reflexionen über sie bisher nur punktuell für das antike Israel/Palästina des 1. Jahrtausends v.Chr. erforscht worden. An dieser Forschungslücke setzt die neue Forschungsgruppe Epistemologien des Göttlichen an. Ziel ist es zu untersuchen, in Form von welchen kognitiven Regelprozessen, impliziten Denkweisen und expliziten Reflexions- und Abstraktionsleistungen über transzendente Wesen im alten Israel nachgedacht wurde: über Göttinnen, Götter, Gott und das Phänomen des Göttlichen als solches.

Die Entstehung des Monotheismus ist nach wie vor eines der großen Rätsel der Menschheitsgeschichte. Die Entwicklung in diese Richtung war keinesfalls selbstverständlich. Im Kontext religiöser Vielfalt entwickelte sich diese neue Weise, über „Gott“, „Götter“, „Gottheit“ nachzudenken. Die FOR untersucht deshalb die Denkstrukturen, die sich hinter der Konstruktion von Gottesbildern in der südlichen Levante der vor-hellenistischen Zeit finden. Neu und innovativ vertritt sie einen epistemic turn in der alttestamentlichen Wissenschaft, der die Denkstrukturen hinter (religiösen) Wissenskonstrukten auf der Grundlage von biblischen und außerbiblischen Text- und Bildquellen (z.B. Siegeln) sowie archäologischen Hinterlassenschaften (ca. 30 Tempelanlagen aus Israel/Palästina) analysiert. Ziel ist es, die Entstehung von Einheit und Vielfalt in den religiösen Symbolsystemen dieser Zeit besser zu verstehen und Prozesse der Standardisierung nachzuzeichnen, indem Quellen unter anderem mithilfe der epistemischen Kategorien Raum und Zeit, Legitimität und Validität, Standardisierung und Negation untersucht werden. Innovativ ist dabei nicht nur der Einsatz aktueller Methoden der Religionsarchäologie, digitaler Werkzeuge für Texte und Geländemodelle, sondern auch der sozialen epistemischen Netzwerkanalyse (SENA) und der KI, mit deren Hilfe Text- und Raumanalysen durchgeführt werden. Durch diese interdisziplinäre Kombination aus exegetischen, archäologischen, epigraphischen, ikonographischen, epistemologischen und digitalen Ansätzen sollen epistemische Strategien, Zentren oder Netzwerke sowie Akteure, die das religiöse Wissen und die dahinterstehenden Denkstrukturen geprägt haben, identifiziert, rekonstruiert, analysiert, interpretiert und bewertet werden.

Zu den vier Teilprojekten der Forschungsgruppe: Epistemologies of the Divine: In Search of the Religious Thought Structures (Denkstrukturen) of Ancient Palestine/Israel

Publikationen

Jan Dietrich / Annette Schellenberg / Thomas Wagner (eds). Ancient Epistemologies (ORA 58), Tübingen 2024 (Open Access).

Jan Dietrich / Jaco Gericke. Epistemology and the Book of Job (HeBAI 12/3), Tübingen 2023.

Thomas Wagner, Raumdeutung. Transformationen der Vorstellung vom Raum in den hebräischen Schriften der persischen Zeit (MO 4), Göttingen 2023.

Jan Dietrich, Hebräisches Denken. Denkgeschichte und Denkweisen des Alten Testaments (BThSt 191), Göttingen 2022 (Open Access).

Annette Schellenberg, Erkenntnis als Problem. Qohelet und die alttestamentliche Diskussion um das menschliche Erkennen (OBO 188), Fribourg & Göttingen 2003 (Open Access).

Kontakt

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Angelika Berlejung (Universität Leipzig)

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Jan Dietrich Altes Testament, Schwerpunkt für Literatur- und Religionsgeschichte des Alten Testaments

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Annette Schellenberg-Lagler (Universität Wien)

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Thomas Wagner

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